SAGMEISTER & WALSH: Beauty, MAK Wien

MUSEUM FÜR ANGEWANDTE KUNST (MAK)

Den ersten Vorläufer des Museums für angewandte Kunst (MAK) in Wien gründete Franz Josef I. im Jahr 1863. Im Jahr darauf wurde das k.k österreichisches Museum für Kunst und Industrie schließlich eröffnet. Auch der Grundstein für die aktuellen Sammlungen wurde durch den Fokus auf angewandte Kunst, Design und Architektur bereits im 19. Jahrhundert gelegt.

Heute verfügt das MAK mit 2.700m2 über eine der größten Ausstellungsflächen Österreichs und versteht sich als Laboratorium gesellschaftlicher Erkenntnis sowie des interkulturellen und künstlerischen Austauschs. Dieses Museum möchte außerdem ein Ort des u.a. Sammelns, Forschens, Bewahrens und Vermittelns sein.

DIE SONDERAUSSTELLUNG SAGMEISTER & WALSH: Beauty

Die Sonderausstellung SAGMEISTER & WALSH: Beauty im MAK beschäftigt sich mit „Schönheit“ und kritisiert die Bevorzugung von Funktionalität auf Kosten der Schönheit, weil Form nicht der Funktion folge. Vielmehr sei sie selbst häufig Funktion und sei daher erfolgreicher. In diesem Sinne werden schließlich multimediale Argumente aus Bereichen wie u.a. Grafik, Design und Architektur vorgebracht.

ERFAHRUNGSBERICHT

Schönheit vor Sinn – echt jetzt?

Die Ausstellung war wirklich hübsch anzuschauen: ein eigens für die Ausstellung entworfener, meist weiß gehaltener Schriftzug zierte blaue Wände und Tafeln. Nichts wirkte zu voll oder zu textlastig. Weiters lud eine kreisrunde, ebenfalls blaue Matte in der Eingangshalle ein, zu verweilen und die Perspektive zu wechseln. „So weit, so gut“, dachte ich, stürzte mich ins Blau, betrachtete Objekte und las Texte. Je mehr ich aber sah und las, desto unzufriedener wurde ich.

Blick vom ersten Stock in die Eingangshalle

Zunächst waren mir die fünf Hands-On Stationen ein Rätsel, da ich keinen tatsächlichen Sinn erkennen konnte: Bei Eintritt erhielt ich fünf runde Marken aus Pappe. Im Laufe der Ausstellung konnte ich mir beispielsweise den schönsten Duft, die schönste Farbe oder die schönste Form aussuchen und jeweils mit einer meiner Marken bewerten. Ich warf sie in eine Röhre, wo sie neben jenen anderer BesucherInnen landete. So konnte jeder sehen, welchen Duft, welche Farbe oder welche Form die meisten Menschen bevorzugten. Die Antworten: Zitrusduft, Blau und Kreise. Abgesehen davon, dass nichts davon überraschend war (viele Menschen wissen ohnehin, dass Blau die angeblich beliebteste Farbe ist), hätte jede dieser Antworten einer willkürlichen Stimmung folgen können und müsste daher nicht einmal repräsentativ sein. Solche Stationen veranlassen also einerseits zu eigentlich sinnloser Interaktion und vermitteln andererseits Banalitäten. Was also ist ihr Sinn? Ich weiß es nicht.

Auch hatte ich großteils den Eindruck, dass hauptsächlich Behauptungen aufgestellt, aber nicht argumentiert wurden. Viele dieser Behauptungen waren außerdem unlogisch oder ganz einfach falsch. In Folge möchte ich zwei Beispiele anführen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Gläser im Vergleich. Vitrine im Untergeschoss.

Im Untergeschoss befand sich eine Vitrine, in der Gläser aneinandergereiht den Verfall von Schönheit über die Jahrhunderte repräsentierten. Die Reihe endete mit einem Plastikbecher, der eben funktional, aber nicht „schön“ war. Die Gläser davor zeichneten sich vor allem durch Schnörkel und andere Verzierungen aus. Nun könnte man zum einen sofort darüber streiten, ob reich verzierte Gläser wirklich schön sind bzw. wie viele Menschen Kitsch schön finden. Tatsächlich wird ohnehin gleich zu Beginn der Ausstellung festgehalten, dass unsere Definition von „Schönheit“ wesentlich durch Sehgewohnheiten mitbestimmt wird und zwangsläufig subjektiv ist.

Zum anderen ist der Vergleich dieser verschiedenen Gläser ohne weitere Informationen nicht nachvollziehbar. Immerhin weiß ich nicht, was genau da verglichen wird. Natürlich stehen da nur Trinkgefäße, aber auch im 21. Jahrhundert ist ein Trinkgefäß nicht einfach ein Trinkgefäß: Wer in ein Haubenrestaurant geht und statt einem Weinglas einen Plastikbecher erhält, wird wahrscheinlich ärgerlich. Auch trinken wir Kaffee eher nicht aus Sektgläsern. Wein- und Sektgläser, Kaffeetassen und Plastikbecher dienen praktisch gedacht nur einem Zweck. Wir wollen aus ihnen trinken. Dennoch greift dieser Gedanke zu kurz, weil auch Anlass und Kontext mitbestimmen, welche (ästhetischen) Ansprüche wir an unsere Trinkgefäße stellen. Warum also sollte ich einen Plastikbecher, den ich persönlich schon aus Liebe zur Umwelt boykottiere und bisher hauptsächlich auf Garten-, Studenten-, und Grillpartys angetroffen habe, mit einem Weinglas aus einem teuren Restaurant vergleichen? Das Ergebnis eines solchen Vergleichs ist relativ inhaltslos. Genau deswegen hätte ich gerne gewusst, welche Gläser in der Vitrine standen. So konnte ich nämlich nur oberflächlich beurteilen, was mir (nicht) gefiel. Dazu brauche ich mir aber keine Ausstellung anzusehen.

Vergleich verschiedener U-Bahnstationen im ersten Stock.

Das zweite Beispiel bezieht sich auf einen Text, dem zu Folge große glatte Steine ohne Funktion gefunden worden waren. Diese Steine seien nur aufgestellt worden, weil unsere Vorfahren Symmetrie schön gefunden hätten und zudem ihre Intelligenz, ihre Geschicklichkeit und ihren Einfallsreichtum zur Schau hätten stellen wollen. Daneben war das Foto eines solchen Steins ohne Beschriftung zu sehen. Ich vermute, dass das die Darstellung eines Menhirs gewesen sein könnte. Soweit ich weiß, wird aber davon ausgegangen, dass solche Steine durchaus einer Funktion dienten. Unklar ist eher, welche das gewesen sein soll.

Mein Punkt hier ist folgender: Falls der Stein auf dem Bild tatsächlich ein Menhir ist, ist der Text ganz einfach falsch. Zumindest negiert er viele Interpretationsmöglichkeiten, nur um der Aussage der Ausstellung zu dienen und erschwert BesucherInnen zudem selbst zu recherchieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Falls der Stein aber gar kein Menhir ist, sind mir als Besucherin Informationen vorenthalten worden, die mir die eigene Meinungsbildung erlauben.

Raumüberblick im Untergeschoss.

FAZIT

Ähnliche Beispiele wie oben angeführt, finden sich an verschiedensten Stationen in der Ausstellung. Inhaltlich war Sagmeister & Walsh: Beauty also vor allem eine Enttäuschung. Das ist schade, weil ich tatsächlich gewillt bin, mich einer der Hauptaussagen der Ausstellung anzuschließen: Funktionales darf auch schön sein! Schönheit ohne Inhalt ist, wie diese Ausstellung bewiesen hat, allerdings nicht besonders lange von Interesse. Wer die Ausstellung dennoch besuchen will, hat hierzu noch bis zum 31. März 2019 Gelegenheit. Danach wandert sie ins Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main, wo sie vom 11. Mai 2019 bis zum 15. September 2019 anberaumt ist.

WEITERFÜHRENDE LINKS

APA: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20180712_OTS0060/mak-zeigt-sagmeister-walsh-beauty-bild

APA: https://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20181024_OTS0012/sagmeister-walsh-beauty-eroeffnung-im-mak-sorgt-fuer-besucheransturm-bild

Museum für angewandte Kunst, Frankfurt: https://www.museumangewandtekunst.de/en/

Museum für angewandte Kunst (MAK) Wien: https://www.mak.at

Kurier.at: https://kurier.at/kultur/schoenheit-und-klimbim-beauty-von-stefan-sagmeister-und-jessica-walsh-im-museum/400153923

SAGMEISTER & WALSH: Beauty (MAK): https://www.mak.at/sagmeister_walsh

spikeartmagazine.at: https://www.spikeartmagazine.com/en/articles/sagmeister-walsh-beauty

Standard.at: https://derstandard.at/2000090295312/Stefan-Sagmeisters-Ausstellung-Beauty-Huebsch-Und-weiter

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1 Kommentar zu „SAGMEISTER & WALSH: Beauty, MAK Wien

  1. Sehr interessante Auseinandersetzung mit der Ausstellung. Danke!

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