Naturmuseum Winterthur

DAS MUSEUM

1916 gegründet, befindet sich das Naturmuseum Winterthur heute im selben Gebäude wie das Kunstmuseum|Beim Stadthaus und die Stadtbibliothek in der Museumstrasse. In den 2000ern wurde es umgebaut und eröffnete 2005 schließlich neu. Die Sammlungen des Museums umfassen über 125.000 Objekte aus den Bereichen Biologie, Erdwissenschaften und Ethnologie.

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In der Dauerausstellung werden verschiedenste Lebensräume von Fauna und Flora, Landschaftsentwicklung der Region sowie deren Konsequenzen für Habitate, die Eiszeit und die Erdzeitalter thematisiert. Ausgestellt sind neben Tierpräparaten außerdem Fossilien, Gesteine und einige wenige Exponate aus der ethnologischen Sammlung des Museums. Die aktuelle Wanderausstellung „Wild auf Wald“ ist noch bis zum 26. August 2018 zu besichtigen.

VON VORURTEILEN UND ANGENEHMEN ÜBERRASCHUNGEN

Zwei Erwartungshaltungen prägten meinen Museumsbesuch. Erstens hatte ich auf Grund einiger Gespräche, der Gestaltung der Website sowie dem Inhalt einer Informationsbroschüre ein Kindermuseum erwartet. Dieses Kindermuseum, das ich im Kopf hatte, war aber eine Mischung aus allen Negativbeispielen, die ich in den Wochen und Monaten davor gesammelt hatte. Vor meinem geistigen Auge, waren sämtliche Ausstellungstexte banal und wenig aussagekräftig, die Gestaltung bunt und verwirrend, was wiederum die Vermittlung erschwerte und, last but not least war es unerträglich laut, weil sämtliche Objekte durch Bildschirme und Mitmach-Stationen ersetzt worden waren.

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Raumansicht EG: Lebensräume von Haus und Garten über Wälder bis hin zu Gewässern

Meine Erwartungen wurden erfüllt, insofern das Naturmuseum Winterthur ein Kindermuseum ist. Das äußert sich durchaus auch an den Inhalten, den Texten und der Gestaltung (insbesondere der Sonderausstellung) oder aber an den Produkten, die im Museumsshop gekauft werden können. Gleichzeitig ist diese Ausstellung aber auch so konzipiert, dass Erwachsene sich an Display und Inhalten erfreuen, Neues erfahren können, oder sich zumindest nicht langweilen – vorausgesetzt das nötige Interesse wird mitgebracht.

Zweitens habe ich bei jedem Besuch in solchen Museen das NHM Wien meiner Kindheit sofort wieder präsent. Also erwarte ich vor jedem Aufenthalt vollgestopfte, nicht besonders ansehnlich gestaltete Vitrinen sowie zu spärlich beschriftete Objekte. Außerdem hielt ich die Ausstellungsfläche insgesamt für größer. Auch hier wurde ich eines besseren belehrt. Letztere ist deutlich kleiner, als gedacht. Die Wanderausstellung ist beispielsweise in einem einzigen Raum untergebracht. Die Dauerausstellung dagegen fühlt sich in Bezug auf ihre Größe wie eine Sonderausstellung an. Angenehm!

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Raumansicht „Wild auf Wald“

Ebenfalls angenehm war das Verhältnis von Objekten zu Texten sowie Audio- und Videoinstallationen: Kein Zuviel und daher keine rasche Ermüdung oder Überforderung, beispielsweise auf Grund einer ohnehin nicht zu bewältigenden Menge an Exponaten.

TIERPRÄPARATE ALS PERSÖNLICHES HIGHLIGHT

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, tatsächlich sind mir aber vor allem zwei Stationen im Gedächtnis geblieben. So zeigte die erste Station Teile einer Käfersammlung. Bisher hatte ich Käfersammlungen in keinem Museum etwas abgewinnen können: Kleine tote Tierchen, gepfählt, in Reih und Glied aneinandergereiht, dazu die korrekten Bezeichnungen. Solche Präsentationen hatten stets mehr von Spielereien mit optischen Attraktionen, als vom Wunsch, Wissen welcher Art auch immer zu vermitteln. Hier dagegen, erfuhr ich durch Texte in den Läden nicht nur die Namen der Käfer, sondern erhielt auch einige wenige Kontextinformationen.

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An der zweiten Station stand an einer mit ausgestopften Vögeln gefüllten Wand eine Tastatur, die an jene von Klavieren oder Key-Boards erinnerte. An den Tasten waren die Namen verschiedener Vögel verzeichnet. Sobald ich eine Taste spielte, konnte ich das Gezwitscher dieser Vogelart hören. Gleichzeitig wurde der jeweils entsprechende Vogel in der Wand beleuchtet, wodurch ich die physische Erscheinung des Vogels mit dem Gezwitscher und der korrekten Bezeichnung in Verbindung bringen konnte.

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Raumansicht EG: Die im Text erwähnte Station ist rechts hinten zu sehen

Leider muss ich zugeben, dass ich mir nichts gemerkt habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, herauszufinden, ob ich alle Tasten gleichzeitig anschlagen könnte und es daraufhin ein wildes durcheinander an zwitschernden und leuchtenden Vögeln gäbe. Ebenso wollte ich wissen, wie lange das Gezwitscher wohl anhalten würde, wenn ich die Tasten gedrückt hielte…

FAZIT

Im Wesentlichen ist das Naturmuseum Winterthur ein kleines, aber feines Museum, dass in sehr kurzer Zeit besichtigt werden kann. Ich war bis zu zwei Stunden vor Ort, habe aber nicht das Gefühl irgendetwas verpasst zu haben. Sollte ich jemals wieder in Winterthur stranden, schaue ich sicher vorbei. Einfach nur, weil das Museum Laune macht und weil ich in solchen Museen unweigerlich in meine Kindheit zurückversetzt werde und für kurze Zeit wieder Kind sein kann.

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Swiss Science Center TECHNORAMA, Winterthur

ALLGEMEIN

Die Anfänge des Swiss Science Center TECHNORAMA sind bis zur Entstehung eines Vereins im Jahr 1947 zurückzuverfolgen. Dieser sollte zur Gründung eines technischen Museums beitragen. In den 1980ern wurde dann eine Ausstellung präsentiert, die musealen Konventionen technischer Museen entsprach. 1990 verabschiedete der damalige Direktor, Remo Besio, aber ein neues Leitbild, das sich stark an Science Centern in England und den USA orientierte. Bis 2000 wurde das Museum schließlich zum Science Center umgebaut.

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Heute verfügt das TECHNORAMA über eine Ausstellungsfläche von 7000m2 und über 500 Experimentierstationen. Letztere sollen BesucherInnen unabhängig von Alter und Ausbildung im selbstbestimmten Experiment Naturphänomene näher bringen und Neugierde, Begeisterung und Verständnis für diese wecken. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Bedeutung der Institution als Zielort für außerschulischen Unterricht sowie auf Fortbildungsprogrammen für LehrerInnen.

ERFAHRUNGSBERICHT

Das TECHNORAMA ist sowohl mit der Buslinie 5, dem Privatauto, aber auch zu Fuß gut zu erreichen und auf Grund zahlreicher Beschriftungen leicht zu finden. Für Schulklassen öffnet das Science Center bereits um 9:00, andere BesucherInnen können ab 10:00 Tickets lösen. Ich war an einem Freitag kurz vor 10:00 Uhr vor Ort, wo sich bereits mehrere SchülerInnen mit dem Wasserspiel vor dem Gebäude beschäftigten. Andere Kinder und Jugendliche wiederum scharten sich um ihre LehrerInnen. Ich war etwas überfordert und wusste nicht genau, wo ich warten sollte, ohne überrannt zu werden. Zudem musste ich auch rasch feststellen, dass ICOM-Karten nicht akzeptiert wurden und ich Eintritt zahlen würde müssen. Tatsächlich ist das aber verständlich, da dass TECHNORAMA  ein Science Center, aber kein Museum im herkömmlichen Sinn ist.

Auf vier Ebenen verteilt befinden sich verschiedenste Experimentierstationen und Exponate. So sind im Untergeschoss Spielzeugeisenbahnen ausgestellt, während sich im Erdgeschoss das Lehrercafé, Labore – das Science Center bietet zu verschiedensten Phänomen aus Biologie, Chemie und Physik Workshops an – und erste Stationen zu den Themen Mechanik, Strom und Magnetismus befinden.

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Raumübersicht EG: Bereich Mechanik

Ein Stockwerk darüber ist der Bereich für Sonderausstellungen. Außerdem werden Themen wie Mathematik, Wasser, Natur und Chaos behandelt. In der zweiten und obersten Etage thematisieren weitere Experimentierstationen Licht und Sicht. Auch sind hier verschiedene Holzmaschinen ausgestellt.

Die Räumlichkeiten gleichen riesigen, großteils abgedunkelten Lagerhallen, die im Untergeschoss mit Objekten, den Spielzeugeisenbahnen, und in allen anderen Stockwerken mit Experimentierstationen ausgestattet sind.

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Raumübersicht im UG: Stiftung Spielzeugeisenbahnen Dr. Bommer

Letztere werden stets von einer Anleitung begleitet, die kurz und bündig beschreibt, was zu tun ist. BesucherInnen können daraufhin die Station bedienen und beobachten, was passiert. Zusätzlich besteht die Option, eine beiliegende Erklärung zum Experiment zu lesen. Diese Texte werden stets auf Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch angeboten, was sowohl im Kontext der Schweiz, als auch international gedacht, ein vernünftiges Angebot ist.

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Weitere Texte, die beispielsweise die Bedeutung von Physik im Alltag erklären oder Bereiche vorstellen, habe ich allerdings nicht entdeckt.

VOM MUSEUM ZUM SCIENCE CENTER?

Ich lebe mit Museen. In der Auseinandersetzung mit dem TECHNORAMA, das in den 1980ern noch als technisches Museum konzipiert war, sich aber ab 1990 innerhalb eines Jahrzehnts zum Science Center entwickelte, musste ich mir zwangsläufig  die Frage nach der aktuellen Bedeutung technischer Museen, Science Centern und deren Identität stellen. Abseits von der Vermittlung von Schulstoff bietet das TECHNORAMA kaum Inhalte für interessierte Erwachsene an. Es gab nichts zu sehen oder lesen, das über den üblichen Schulstoff hinausging, nichts, dass die Bedeutung der Naturwissenschaften für die Menschheit anschnitt.

Im Vergleich kamen mir verschiedene naturwissenschaftlich orientierte Museen sowie Ausstellungen in den Sinn. Ich überdachte die Entwicklung weg vom Museum, hin zu Science Centern, Event- und Bespaßungskultur, die ich bisher beobachtet hatte. Unweigerlich erinnerte ich mich aber auch an die  Dauerausstellung Mathematics: The Winton Gallery im Science Museum London.

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Raumansicht Mathematics: The Winton Gallery

Ein Kurator, der daran gearbeitet hatte, erklärte KollegInnen und mir im letzten Jahr, diese Ausstellung verfolge das Ziel zu inspirieren sowie zu zeigen, für welche Errungenschaften der Menschheit Mathematik unentbehrlich war und ist. Zu sehen waren Exponate, die verschiedenste Bereiche vom Handel, über die Schönheit, bis hin zur Medizin abdeckten. Und plötzlich war Mathematik kein langweiliges Schulfach mehr, weil der Blick auf die Wissenschaft sich verändert hatte: Keine Formeln, keine isolierten Fakten, die ohne Fachkenntnis ohnehin nicht zu verstehen waren, sondern die Auswirkung mathematischer Errungenschaften für unsere heutige Welt.

Experimentierstationen, die ausschließlich der Reproduktion von Schulwissen dienen, langweilen mich dagegen. Das heißt aber nicht, dass solche Stationen in Museen keine gute Ergänzung zu Inhalten, Objektgeschichten und Fakten darstellen können. Im Gegenteil! Die Begeisterung für Science Center kann ich dennoch nicht nachvollziehen, weil Museen und Ausstellungen abseits davon vieles leisten und auch vermitteln könnten – vorausgesetzt die Bespaßungskultur würde etwas weniger im Vordergrund stehen.

FAZIT

Ich liebe technische Museen, in Science Centers verliere ich mich allerdings – ich weiß nie wirklich, was ich dort eigentlich soll. Natürlich könnte ich an den Stationen experimentieren, die Anleitungen lesen und mir durch weitere Texte erklären lassen, was ich gerade getan und beobachtet habe. Lesen und mich so thematisch vertiefen kann ich allerdings auch zu Hause auf dem Sofa. Das ist bequemer, obwohl zwangsläufig die Experimente ausbleiben.

Wer aber Science Center mag, sich gerne in dieser Form mit Naturphänomen beschäftigt oder mit Kindern gelernten Schulstoff interaktiv vertiefen will, ist im Swiss Science Center TECHNORAMA gut aufgehoben.

Haus der Natur Salzburg

ALLGEMEIN

Das Haus der Natur Salzburg – Museum für Natur und Technik wurde im Jahr 1924 gegründet. Zunächst war es in den Hofstallungen, übersiedelte aber 1959 an seinen heutigen Standort am Museumsplatz. 2008 schloss das Museum für fast ein Jahr, um das Gebäude aktuellen Sicherheitsvorschriften anzupassen, es barrierefrei zu gestalten sowie das ehemalige Museum Carolino Augusteum zu sanieren und mit dem Haus der Natur Salzburg zu verbinden. Im Zuge dessen wurde auch das Science Center eingerichtet. Das Museum eröffnete, so wie es auch heute zu besichtigen ist, im Sommer 2009 wieder.

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Gegenwärtig ist das Haus der Natur mit einer Ausstellungsfläche von 7000m2 das größte Museum Salzburgs. Es ist ein naturhistorisches Museum, das über Aquarien sowie Terrarien und ein Science Center verfügt und versteht sich insofern als 3-Spartenhaus mit regionaler und internationaler Ausrichtung. Als Natur-Kompetenzzentrum widmet es sich außerdem der Dokumentation und Erforschung der Natur von Salzburg (Stadt und Land) und dem Nationalpark Hohe Tauern. Basis für die wissenschaftliche Arbeit sind die eigenen Sammlungen und Datenbanken. Neben der Dauerausstellung, die auf fünf Ebenen gezeigt wird, sind derzeit die Sonderausstellungen Dahoam im Wandel: 200 Jahre Lebensraum Salzburg und Himmelsbilder. Astrofotografie am Haus der Natur zu sehen.

ERFAHRUNGSBERICHT

Ein Wochenende in Salzburg verbrachte ich mit zwei Museumsbesuchen in Salzburg. Bereits am Samstag war ich für zwei Stunden mit Begleitung dort. Wir hatten uns nicht informiert, was es zu sehen geben könnte, steuerten in Richtung Sonderausstellung Dahoam im Wandel und landeten schließlich für zwei Stunden im Science Center. Das Science Center befindet sich in jenem Gebäudetrakt, der früher einmal das Carolino Augusteum gewesen war. Auf drei Stockwerken laden verschiedenste Stationen zum Mitmachen ein und geben so Einblick in u.a. Mechanik, Aerodynamik, Mathematik, Körper & Fitness, Schall, Energie und Heben.

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Überblicksfoto Science Center „Mechanik, Aerodynamik, Mathematik, Körper & Fitness“

Zwar hatten wir dort viel Spaß und blieben an jeder Station hängen, doch schien dieser Besuch meine bisherigen Vermutungen zu bestätigen: Das Museum sei, so dachte ich, ein Museum, das im Zusammenhang mit Inhalten, Sprache und Gestaltung vor allem die Zielgruppen „Familie“ sowie „Schulklassen“ und damit Kinder bediene.

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Bereich „Körper & Fitness“: Beim Wett-Rudern

Auf dem Weg hinaus machten wir jedoch einen Abstecher durch die Aquarien im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, wo mir klar wurde, dass wir vom Museum kaum etwas gesehen hatten und ich keinen Blogeintrag schreiben könnte ohne ein weiteres Mal – möglichst alleine, in meinem Tempo und ohne Zeitdruck – wieder zu kommen und die restlichen Bereiche zu besichtigen. Ich beschloss also, das gleich am nächsten Tag vor der Heimreise zu tun.

Am zweiten Tag verbrachte ich drei Stunden im Museum, marschierte durch die sogenannte Saurierhalle und das Aquarium im Erdgeschoss, besah den Bereich Erdwissenschaften sowie die zweite Sonderausstellung im 1. Stock, durchlief auf der Ebene darüber den Reptilienzoo, die Christian Doppler Schau, die Abschnitte Tierwelt Europas, Weltraum, Lebensader Salzach und einen schmalen Gang Richtung Toiletten, der genutzt wurde, um medizinische Technologien zu präsentieren. Danach war mein Hirn Matsch. Ich entschied mich also gegen die letzten beiden Stockwerke und für einen Besuch im Café und im Museumsshop.

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Das Stadtcafé im Haus der Natur Salzburg 

FAZIT

Als ich nach dem zweiten Aufenthalt die ersten Zeilen ins Tagebuch schrieb und mir Gedanken zu Museum und Ausstellung machte, wurde mir klar, dass ich zum ersten Mal seit langer Zeit ein Museum als Touristin besucht und mich einfach amüsiert hatte. Hätte ich Kinder und würde in Salzburg oder Umgebung leben – ich wäre wohl ständig dort. Auch ohne Kinder werde ich das Haus der Natur Salzburg allerdings wieder besichtigen.

Mit Haut und Haar, Wien Museum Karlsplatz

ALLGEMEIN

Der erste Vorläufer des heutigen Wien Museums, das Historische Museum der Stadt Wien, eröffnete 1888  im damaligen Rathaus. Bereits 1900 thematisierte der Gemeinderat Wien aber einen Neubau des Museums, da die architektonischen Rahmenbedingungen nur bedingt als Ausstellungsort geeignet waren und zudem nicht ausreichend Raum für Exponate zur Verfügung stand. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieses Vorhaben dann realisiert. Das Wien Museum Karlsplatz, damals noch unter anderem Namen, eröffnete 1959 am heutigen Standort (siehe WAISSENBERGER, Robert [Hg.] 1984: Schausammlung. Historisches Museum der Stadt Wien).

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Heute verfügt das Wien Museum über verschiedenste Standorte. Zu diesen zählen neben dem Museum am Karlsplatz, u.a. auch das Uhrenmuseum, das Römermuseum oder das Pratermuseum sowie diverse Musikerwohnungen, wie z.B. Schuberts Geburtshaus oder dessen Sterbewohnung.

Neben der Dauerausstellung zeigt das Wien Museum Karlsplatz regelmäßig Wechselausstellungen. Die Räumlichkeiten für diese befinden sich im Erdgeschoß in unmittelbarer Nähe zu Kassa und Museumsshop, der Zugang ist nicht zu übersehen.

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MIT HAUT UND HAAR. FRISIEREN, RASIEREN, VERSCHÖNERN.

Die Sonderausstellung MIT HAUT UND HAAR. FRISIEREN, RASIEREN, VERSCHÖNERN eröffnete am 19. April 2018 und ist bis zum 6. Januar 2019 anberaumt. Thematisiert werden Praktiken und Bedeutungen der Körperpflege seit dem 18. Jahrhundert, wobei der Fokus auf frisieren, rasieren und Kosmetik in Wien liegt. Prämisse ist außerdem, dass die Gestaltung des Körpers eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit ist und Körper immer auch kulturell geformt werden.

ERFAHRUNGSBERICHT

Ein Freitag Vormittag im Museum bedeutet meistens relativ leere Räumlichkeiten und damit ausreichend Platz, um in aller Ruhe Texte lesen und Objekte betrachten zu können. Großartig! Nach zwei Stunden hatte ich gesehen, was ich sehen wollte, sämtliche Ausstellungstexte gelesen und war total begeistert, ohne genau zu wissen, was mich an dieser Ausstellung so faszinierte.

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Raumansicht – Kapitel 2 „Arbeit am Körper“

Ursprünglich wollte ich daher auf einen Blogeintrag verzichten – möglicherweise hatte ich ja einfach nur einen guten Tag, wollte nicht analysieren und meine Meinung nicht begründen. Trotzdem griff ich zum Tagebuch, um mir für den Fall der Fälle wenigsten Notizen zu machen. Im Schreiben fand ich meine Antworten: Den AusstellungsmacherInnen von Mit Haut und Haar war es gelungen, den Fokus auf Objekte zu legen, statt Objekte zur Illustration von Ausstellungstexten zu verwenden. Diesen Ausstellungsbesuch hatte ich daher hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit Objekten, nicht aber im Lesen von Texten verbracht.

DAS VERHÄLTNIS VON TEXT ZU OBJEKT

Die Auseinandersetzung mit Texten im musealen Bereich beschäftigt mich bereits seit den letzten Einträgen: Im Haus der Geschichte Niederösterreich, waren mir die Texte zu banal, während mich im naturhistorischen Museum der Stadt Genf die Einsprachigkeit ärgerte. Im Zusammenhang mit der Sonderausstellung Zwischen den Kriegen im Schlossmuseum Linz freute ich mich in Folge zumindest über die Umsetzung von Mehrsprachigkeit in kleinen Ausstellungen. Was mir hier deutlichst vor Augen geführt wurde, ist die schiere Textmenge mit der BesucherInnen in Ausstellungen oft konfrontiert werden. Oft habe ich den Eindruck, dermaßen viel Text bewältigen zu müssen, dass ich vom eigentlichen Museumsbesuch nichts habe, weil ich permanent lese. Oder aber ich stehe in einer Ausstellung, suche nach Informationen, finde einen viel zu kurzen Bereichstext, knappe Objektlabels und darf mich dann fragen, was die Gesamtkonstruktion eigentlich soll. In Mit Haut und Haar dagegen findet einen Mittelweg und arbeitet v.a. mit drei klar strukturierten Textebenen: 1) Ausstellungstext, 2) Kapiteltexte und 3) Objekttexte.

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Raumansicht – Kapitel 4 „Körperzeichen“

1) Der Ausstellungstext ist direkt am Eingang zu den Räumlichkeiten angebracht. Noch bevor BesucherInnen Objekte überhaupt sehen, oder sich mit Inhalten auseinandersetzen können, wird hier erklärt, wovon die Ausstellung erzählt. Auch wird sogleich der Aufbau durch Bekanntgabe der einzelnen Kapitel offengelegt.

2) Insgesamt gibt es in der Ausstellung vier Kapitel, die jeweils von sehr kurzen Texten eingeleitet werden, den Fokus legen, damit natürlich den Blick des Publikums lenken und Interpretationsmöglichkeiten anbieten, gleichzeitig aber die Objekte kontextualisieren. Letztere sind 3) natürlich auch beschriftet. Informationen, die die Objekte begleiten, sind u.a. Objekttitel, Datierung und Provenienz bzw. LeihgeberIn.

FAZIT

Da die Texte knapp gehalten wurden, gleichzeitig aber ausreichend Informationen gaben, war ich nicht gezwungen übermäßig viel zu lesen, konnte mich aber zwei Stunden lang an Objekten, der Ausstellungsgestaltung und dem strukturierten Aufbau erfreuen. Was mir später jedoch klar wurde, war, dass ich kaum neue Inhalte oder Anreize mitgenommen hatte. Dass Körper kulturell formbar und historisch wandelbar sind, wusste ich bereits.

Fairerweise muss ich anmerken, dass das aber durchaus mit meinem persönlichen Hintergrund, meinem früheren Studium der Kultur- und Sozialanthropologie und entsprechenden Schwerpunktlegungen zu tun haben könnte. Dennoch vermute ich, dass dieser Umstand zumindest teilweise dem Weniger an Texten geschuldet ist: Weniger Text bedeutet eben auch, BesucherInnen weniger Theorien und Hintergrundwissen präsentieren zu können.  Allerdings sind die Möglichkeiten eines Museums begrenzt. Wer lesen will, kann das auch zu Hause tun – v.a. wenn das Thema interessiert. Insofern eine gelungene Ausstellung!

Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938, Schlossmuseum Linz

ALLGEMEIN

Das Schloss wurde 799 erstmal in einer Urkunde erwähnt, diente im Laufe der Jahrhunderte als Wohnsitz, Militärspital, Provinzialstrafhaus und Kaserne, bis die Stadt Linz 1952 die kulturelle Verwendung des Gebäudes und 1963 dessen ausschließliche Nutzung als Landesmuseum beschloss. Die Eröffnung des Schlossmuseums Linz – Oberösterreichisches Landesmuseum fand schließlich 1966 statt. IMG_20180429_101715

Heute zeigt das Museum auf einer Fläche von über 10.000m2 Fläche Dauerausstellungen zu Oberösterreichs Natur-, Kultur- und Kunstgeschichte. Sonderausstellungen greifen aktuelle regionale und internationale Themen auf. Seit dem 2. Februar 2018 präsentiert das Schlossmuseum Linz die Sonderausstellung „Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938„. Diese ist noch bis zum 13. Januar 2019 zu besichtigen und Gegenstand dieses Eintrags.

ERFAHRUNGSBERICHT

Die Sonderausstellung befindet sich im Untergeschoss des Gebäudes. Um dorthin zu gelangen gibt es zwei Möglichkeiten. BesucherInnen können entweder durch einen Teil der Dauerausstellungen gehen, oder aber mit dem Lift bequem ins untere Geschoss fahren. Dort begrüßt eine große Texttafel alle Ankommenden auf Deutsch, Englisch und Tschechisch. Wer den Museumsbesuch von hier aus im Jahr 1918 beginnen will, geht zunächst einen Gang entlang und biegt an dessen Ende links ab. Zu sehen sind hier bereits einführende Ausstellungselemente. Auch ein fiktiver Charakter, ein Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg, wird hier vorgestellt. Dieser führt teilweise durch die Ausstellung und gewährt durch seine Biografie sowie jene seiner Familie Einblick in Menschenleben dieser Zeit. IMG_20180429_103831

Biegen BesucherInnen dagegen gleich zu Beginn dieses Gangs links ab, startet die Ausstellung mit Österreichs Anschluss an Nazi-Deutschland und Hitlers Einmarsch in Linz.

Der Aufbau der Ausstellung ist chronologisch, wobei sich jeder Raum außerdem einem oder mehreren Themen widmet, die besonders gut in bestimmte Perioden der Jahre 1918 bis 1938 zu passen scheinen. So sind im ersten Raum, der sich mit Kriegsende, Heimkehr und der Ausrufung der Republik beschäftigt, die Jahre 1918 bis 1924 zentral. Der zweite Raum dagegen thematisiert den wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er und zeigt beispielsweise Neuheiten in Mode, Technik und Tourismus.

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Blick durch die Räumlichkeiten der Ausstellung ausgehend von Raum 2

Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit der Wirtschaftskrise und antidemokratischen Kräften, wo vor allem auf die unterschiedlichen Parteien eingegangen wird. Die Zeitleiste dieses Bereichs, der im Übrigen zwei Räume und einen kleinen Vermittlungsbereich umfasst, beginnt mit 1930 und endet vier Jahre darauf. Niedergang und Ende der Demokratie beschließen mit einer Zeitleiste von 1935 bis 1938, entsprechenden Objekten und Texten schließlich die Sonderausstellung.

BESONDERHEITEN

GEGEN DIE EINSPRACHIGKEIT

In meinem letzten Blogeintrag „Naturhistorisches Museum der Stadt Genf“ habe ich mich über die Einsprachigkeit in öffentlichen Museen des 21. Jahrhunderts geärgert – v.a. bei gleichzeitiger Betonung der globalen Relevanz diverser Museumsinhalte. Die Vermittlung dieser hat nämlich keine Bedeutung, wenn sie auf Grund sprachlicher Schwierigkeiten nicht verstanden werden kann.

Umso größer meine Freude gleich zu Beginn dieses Ausstellungsbesuchs: Zwar sind sämtliche Texte in der Ausstellung – wahrscheinlich auch aus Platzgründen – ausschließlich auf Deutsch angeführt, doch werden für BesucherInnen Hefte mit den gleichen Texten auf Englisch und Tschechisch angeboten. Die Broschüren sind unmittelbar beim ebenfalls dreisprachigen Einführungstext gratis zu entnehmen.

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Text zur Ausstellung auf Deutsch, Englisch und Tschechisch. Die Broschüren enthalten die Ausstellungstexte auf Englisch und Tschechisch.

Für eine Dauerausstellung mag das keine passende Lösung sein, doch ist diese Variante Mehrsprachigkeit im Museum zu etablieren für eine Sonderausstellung in dieser Größenordnung eine absolut akzeptable und pragmatische Lösung.

FAZIT

Die Ausstellung hat mich im Zusammenhang mit Inhalten oder Präsentationsarten kaum überrascht: Die Inhalte entsprechen letztendlich dem üblichen Schulstoff, ergänzt um einige Objekte. Der Aufbau ist streng chronologisch und übersichtlich. In den einzelnen Räumen werden, wie oben beschrieben, überdies auch Themenschwerpunkte gelegt, die zum linearen Ablauf der musealen Erzählung passen. Auf Grund der zahlreichen Verbindungen zwischen Ausstellungsmaterialien sowie der Stadt Linz und Oberösterreich ist „Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938“ für BesucherInnen mit regionalem Bezug wahrscheinlich spannender. Auch für Schulklassen könnte diese Ausstellung eine interessante Vertiefung des aktuellen Schulstoffs darstellen. Alles in allem bin ich daher froh, die Ausstellung gesehen zu haben, muss aber kein zweites Mal hin.

Naturhistorisches Museum der Stadt Genf

ALLGEMEIN

Das erste naturhistorische Museum der Stadt Genf (MHN) wurde 1820 unter dem Namen Musée Académique begründet. Auf Grund wachsender Sammlungen und dem damit verbundenen Platzmangel übersiedelte das Museum 1872 in größere Räumlichkeiten mit einer Fläche von 5000m2. Fast ein Jahrhundert danach, im Jahr 1970, entstand das neue Museum am heutigen Standort in Malagnou. _DSC9377.JPG

Das MHN verfügt heute über eine Ausstellungsfläche von 10.000m2 und mit über 15 Millionen Objekten über die größte museale Sammlung der Schweiz. In Reiseführern wird das Museum vor allem im Zusammenhang mit seinen zahlreichen Dioramen hervorgehoben. Die Präsentation ausgestopfter Tiere zieht sich vom Erdgeschoss über die erste bis zur zweiten Etage. Nur im dritten und letzten Stockwerk gibt es keine Dioramen mehr. Zu sehen sind hier Mineralien und Ausschnitte der Menschheitsgeschichte. Der Zugang zu diesen Dauerausstellungen ist übrigens gratis, während Tickets für Sonderausstellungen gelöst werden müssen.

ERFAHRUNGSBERICHT

Mein Ostersonntag im MHN begann um 10:30 mit einer positiven Überraschung. Ich hatte bereits meine Mitgliedskarte des International Council of Museums (ICOM) gezückt, um in Folge die Dauerausstellung des Museums unentgeltlich besuchen zu können. Im Vorhinein hatte ich nicht wirklich recherchiert, wollte mich einfach von diesem angeblichen Kinderparadies bezaubern lassen und durfte vor Ort erfreulicherweise feststellen, dass für den Zutritt zur Dauerausstellung kein Ticket gelöst werden musste. Meine Karte immer noch in der Hand lief ich also begeistert zur Garderobe, legte ab und rannte in den erstbesten Raum. Zunächst begegnete mir eine zweiköpfige lebende Schildkröte, die auch das Maskottchen des Museums ist. Einige Schritt weiter stand ich bereits vor präparierten Tigern und war mitten im Geschehen.IMG_20180401_103921

BESONDERHEITEN

MULTILINGUAL WAR GESTERN?

Nach mehreren Stunden musste ich leider feststellen, dass ein Großteil der Texte in der Dauerausstellung einsprachig, also auf Französisch, war.  Im EG entdeckte ich kein anderssprachiges Wort. Im ersten Stock waren Tiernamen vereinzelt mehrsprachig gekennzeichnet, weitere Informationen jedoch nach wie vor nicht. Erst im zweiten Stock gab es einen Bereich, wo konsequent zweisprachig – Französisch und Englisch – gearbeitet wurde.

Seit meinem Aufenthalt dort frage ich mich wirklich, wie ein Museum, dass sich zumindest auf der Website als Museum von Weltrang präsentiert im 21. Jahrhundert ausschließlich einsprachig arbeiten kann. Im Zusammenhang mit Forschungsarbeiten, Publikationen und Veranstaltungen kann ich das nachvollziehen. Solche Dinge sind immer auch eine Frage der Finanzierung. In einer Dauerausstellung erwarte ich allerdings mindestens Zweisprachigkeit. Auch in Museen im englischsprachigen Raum ist das nicht üblich. Stimmt! Diese haben aber den Vorteil, dass Englisch von ca. 1,5 Billionen Menschen als Erst- oder Zweitsprache beherrscht wird und damit von mehr Leuten verstanden wird als Französisch (370 Millionen) oder Deutsch (185 Millionen; siehe Sprachkreis Deutsch, Stand April 2018).

GRATIS INS MUSEUM

Endlich wieder ein Museum, dessen Dauerausstellung unentgeltlich zu besichtigen ist! Die übliche Notwendigkeit Tickets für den Eintritt zu kaufen, kann ich nicht wirklich nachvollziehen: Ja, Museen brauchen Geld. Sie sind Bildungsstätte, sollten Forschungsinstitution sein und  insofern Wissen vermitteln. Sie bewahren sogenanntes Kulturerbe, dessen Erhalt und Erweiterung ebenfalls kostet. Hinzu kommen WissenschaftlerInnen, Pädagoginnen, RestauratorInnen, Sammlungs- und ObjektmanagerInnen sowie viele weitere MitarbeiterInnen, die bezahlt werden wollen. In Österreich werden staatliche Museen hauptsächlich über Kulturbudgets und Sponsoring (noch unüblich) finanziert. Einnahmen durch Eintrittskarten sind in Anbetracht der benötigten Gelder eine eher vernachlässigend kleine Menge. Zudem werden SteuerzahlerInnen so zweimal zur Kassa gebeten.  Zunächst wird durch Abgabe von Steuern das Kulturbudget mitfinanziert. Dann wird eine Eintrittskarte gekauft, um zu sehen, was bereits mit bezahlt wurde – eigentlich unfair! Daher auch ein großes Kompliment an Museen, die BesucherInnen unentgeltlich in die eigenen Ausstellungsräumlichkeiten lassen. Bisher kannte ich das nur aus einigen Museen in London und dem Volkskundemuseum Wien.

Im Sinne eines weiterführenden Gedankenspiels ist gratis Eintritt in Museen zwar toll, vielleicht aber auch „nur“ eine Möglichkeit BesucherInnenzahlen zu steigern. Oft ist trotz freien Eintritts in die Dauerausstellungen nämlich durchaus ein Ticket für Sonderausstellungen zu lösen. Letztere bieten Neues, Unbekanntes und damit mehr Anreiz, für die Besichtigung eines Museums zu bezahlen. Dauerausstellungen sind dagegen irgendwann alt und vertraut. Freier Eintritt könnte hier dagegen durchaus Anstoß liefern, nach der Arbeit, der Schule oder einfach so kurz vorbei zu schauen, um einen Blick auf Highlight- oder Lieblingsobjekte zu werfen.

FAZIT

Das Museum ist riesig. Nach einem vierstündigen Aufenthalt, hatte ich zwei Etagen genauer betrachtet und zwei weitere einfach nur durchlaufen, um zumindest das Ausmaß der Dauerausstellung erahnen zu können. Insgesamt kam ich absolut auf meine Kosten, da sämtliche Objekte liebevoll und scheinbar auch mit wissenschaftlichem Anspruch drapiert worden waren. Auch dass in Reiseführern vor allem Dioramen im Zusammenhang mit diesem Museum genannt werden, konnte ich nach dem Besuch nachvollziehen – diese scheinen durchaus eine Spezialität des Hauses zu sein.

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Blick auf Dioramen in der 1. Etage

Mit der Einsprachigkeit des Museums kann ich mich dennoch nicht anfreunden. Ich frage mich noch immer, ob ich in meiner Objekt-bezogenen Begeisterung möglicherweise irgendetwas übersehen haben könnte, dass all diese Texte auch in mehreren oder zumindest einer zweiten Sprache für BesucherInnen zur Verfügung stellt. Ich befürchte allerdings, dass ich ausreichend gesucht habe und hoffe tatsächlich, dass die vereinzelte Zwei- und Mehrsprachigkeit der Anfang einer Überarbeitung dieser musealen Texte sind.

 

Haus der Geschichte Niederösterreich, St. Pölten

ALLGEMEIN

Das Haus der Geschichte Niederösterreich (HGNÖ) ist gemeinsam mit dem Haus der Natur Bestandteil des Museums Niederösterreich in St. Pölten. 2014 begannen die konzeptionellen Arbeiten am HGNÖ. Dabei wurden auch die wesentlichen Richtlinien für Ausstellung, Forschung und Service beschlossen. Das Museum eröffnete schließlich im Herbst 2017.IMG_20180404_113734

Der Fokus des HGNÖ liegt auf der Geschichte Niederösterreichs, Österreichs sowie Zentraleuropas, startet mit der ersten Besiedlung der Region und endet in der Gegenwart mit Fragen nach der Zukunft. Besondere Aufmerksamkeit wird aber historischen Entwicklungen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gewidmet. In diese Ausstellung sollen im Sinne einer Exhibition in Progress regelmäßig neue Forschungsergebnisse eingearbeitet werden.

Neben dieser Dauerausstellung gibt es einen Bereich für Sonderausstellungen. Die derzeitige Schwerpunktausstellung „Die umkämpfte Republik“ thematisiert die Entwicklung der Republik Österreich und ist noch bis März 2019 zu sehen. Gegenstand dieses Blogeintrags ist aber ausschließlich die geschichtliche Dauerausstellung.

ERFAHRUNGSBERICHT

Ich verbrachte zwei Nachmittage im HGNÖ, wobei zwischen diesen Besuchen mehrere Monate lagen. Das erste Mal war ich kurz nach Eröffnung des Hauses im September 2017 in St. Pölten, gefolgt von einem weiteren Aufenthalt Mitte März im darauffolgenden Jahr. Die Eindrücke meiner ersten Besichtigung bestätigten sich durch den wiederholten Gang durch die Ausstellungsräumlichkeiten. Die wesentlichsten seien hier angeführt:

1) Sehr viel Inhalt auf sehr kleinem Raum. Im ersten Moment erschlagen von der Fülle, an Objekten und Texten vorbei, doch noch einen Weg findend, irrte ich durch das EG ins OG und musste feststellen, dass Farbcodes nicht ausreichen, um dermaßen umfangreichen Stoff auch nur annähernd im Raum zu strukturieren, Wege zu definieren oder zumindest einen roten Faden erkennen zu lassen.

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Mehr räumlicher Überblick als hier ist stellenweise nicht möglich.

2) Texte, Ausstellungsgestaltung und Vermittlung für Kinder. Vieles im HGNÖ erweckte den Eindruck eigentlich Kinder, nicht aber deren erwachsene Begleitung ansprechen zu wollen. Sämtliche Texte und Illustrationen versetzten mich unwillkürlich zurück in den Sachkundeunterricht meines 8. und 9. Lebensjahres, in denen ich von der Geschichte meiner Heimatstadt lernen durfte. Einfache Sprache, einfache Bilder… Nichts, das ich nicht ebenso gut in komplexer, detaillierte Ausführung zu Hause auf der Couch hätte lesen können. Tatsächlich werden Familien sowie Schulklassen, also Kinder, als primäre Zielgruppe genannt. Ich behaupte aber, auch Kindern ist mehr zuzutrauen, als banale Sätze auf buntem Hintergrund und absurde Vermittlungsspielchen, bei denen Wissen zwar reproduziert, nicht aber hinterfragt wird, zu verstehen.IMG_20180404_114500

3) Objekte haben mit dem Ausstellungsthema nichts zu tun. Beispielsweise ist eine Guy Fawkes-Maske im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Hierarchien im Mittelalter ausgestellt. BesucherInnen erfahren dort einiges über die Ständeordnung und damit verbundene Lebensentwürfe. Was eine Maske, die Symbol für politischen Widerstand ist, dort zu suchen hat, ist mir ein Rätsel. Sie wird zudem mit keinem Wort erwähnt.

Ein zweites Beispiel ist ein kleiner Bereich im Erdgeschoss, der sich der Wissenschaft vom Körper, Volksfrömmigkeit und dem damit verbundenen Umgang beispielsweise in Krankenfällen widmet. Der Bereich ist gut aufgebaut. Ein Gemälde vereint die beiden Erzählstränge schließlich auch visuell.

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Vitrine zum Thema „Volksfrömmigkeit“

Inmitten verschiedenster Objekte, die sich inhaltlich mit den Texten verbinden lassen, steht allerdings eine Handdruckpresse aus dem 18. Jahrhundert. Auch hier sehe ich keinen Zusammenhang zwischen dem Objekt und dem eigentlich darzustellenden Thema.

BESONDERHEITEN

KEINE SAMMLUNG – TROTZDEM EIN MUSEUM?

Ich liebe Sammlungen: Sammlungen sind – so wäre ich bis vor kurzem absolut überzeugt gewesen – das Herzstück eines Museums. So repräsentieren und definieren Sammlungen dessen Forschungs- und Bildungsauftrag und schärfen sein Profil.

Das HGNÖ, das sich explizit als innovatives, lebendiges Museum sieht, sammelt nicht. Die Dauerausstellung besteht ausschließlich aus Leihobjekten, wobei ein Großteil der Exponate aus den Sammlungen des Landes Niederösterreich bezogen wird. Diese Sammlungen verfügen über 6 Millionen Objekte, die den Kategorien Natur, Archäologie, Kunst und Kulturgeschichte zugeordnet werden und verfolgen das Ziel „materielles Erbe Niederösterreichs und seiner Bevölkerung (…) zu Forschungs- und Bildungszwecken“ (siehe Landessammlungen Niederösterreich, Stand 2. April 2018) zu bewahren, zu dokumentieren und vor allem in Niederösterreichs Ausstellungshäusern und Museen zu zeigen. Das Bewahren und Dokumentieren musealer Objekte wird insofern direkt mit der Sammlung und ihrem Auftrag verbunden. Laut dem International Council of Museums (ICOM) haben auch Museen einem Sammlungsauftrag Folge zu leisten:

„A Museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its developement, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purpose of education, study and enjoyment.“ (siehe ICOM Museum Definition, Stand 2. April 2018)

Insofern ist das HGNÖ kein Museum und wird eher der Eigendefinition eines multimedialen Erlebnisraums gerecht. Dennoch führt diese Auseinandersetzung zwangsläufig zu der Frage nach der Notwendigkeit einer Sammlung, um eine Institution als „Museum“ bezeichnen zu können. In weiterer Folge drängt sich ebenso die Frage auf, was ein Museum war, ist und im 21. Jahrhundert zu sein hat. Der ICOM-Definition zufolge, ist nicht nur die Sammlung ausschlaggebend. Ebenso wird geforscht, kommuniziert, ausgestellt. Wie viele Museen werden heute im Zeitalter diverser Budget- und Personalkürzungen im Kunst- und Kulturbereich tatsächlich diesem Forschungsauftrag gerecht? Das Tempo, in dem manche Museen in Österreich Ausstellungen produzieren, lässt wirkliche Forschung gar nicht zu. Einer Exhibition in Progress Folge leisten zu wollen, ist daher ein spannender Ansatz, aber schwer umzusetzen.

In Anbetracht aktueller Entwicklungen und der heutigen Vielfalt an Museen (Museen, die nur ein Objekt beherbergen; Museen, die keinem spezifischen Sammlungsauftrag Folge leisten und Museen, die gar nicht sammeln etc.) sowie der Tatsache, das beispielsweise auch ICOM den Begriff „Sammlung“ nur lose definiert, plädiert auch Paul F. Donahue dafür, die Existenz einer Sammlung nicht als Voraussetzung für die Begriffsbezeichnung und Bestimmung heutiger Museen zu machen (siehe Collection = Museum?, Stand 2. April 2018).

Noch bin ich zwar nicht von meinem Standpunkt Sammlungen seien das Herz eines jeden Museums abgekommen, doch frage ich mich seit meiner Beschäftigung mit dem HGNÖ und damit verbunden dem Umgang mit Sammlungen, ob Museen im 21. Jahrhundert über eine solche verfügen müssen, oder ob Sammeln ganz im Sinne Donahues nicht obligatorisch, sondern optional sein sollte.

FAZIT

Es gibt Museen und Ausstellungen, die begeistern. Es gibt solche, die im Grunde nichts wollen, nichts sagen und in Folge nichts bewirken. Und es gibt Museen und Ausstellungen, die im ersten Moment abschrecken, die überfüllt, unübersichtlich, banal erscheinen, all das vielleicht auch sind, mich aber trotzdem nicht zur Ruhe kommen lassen wollen. Das HGNÖ ordne ich der letzten Kategorie zu.