Das Internationale Manga-Museum Kyoto, Kyoto

ALLGEMEINES

Das Internationale Manga-Museum Kyoto liegt, wie der Name schon vermuten lässt, in einem ehemaligen Schulgebäude Kyotos in der Nähe einer der bekanntesten Touristenattraktionen der Stadt, der Nijo-Burg. Von dort aus ist das Museum leicht in einem 10-minütigen Fußmarsch zu erreichen.

Vorderansicht des Museums

Es entstand als Projekt der Stadt sowie einer ihrer Bildungsinstitutionen, der Kyoto Seika Universität, und eröffnete 2006. Seine Sammlung umfasst mittlerweile über 300.000 Objekte, die von Holzschnitten mit Karikaturen aus der Edo-Periode (Beginn Anfang 17. Jahrhundert) über Magazine der Meiji-Ära (1868-1912) bis in die Gegenwart zu verschiedensten Publikationen weltweit reichen.

Zu den Aufgaben des Museums zählen nicht nur übliche, mit Museen häufig assoziierte Arbeitsfelder (sammeln, bewahren, ausstellen). Auch dient die Institution der Forschung, der Wissensvermittlung aktueller Forschungserkenntnisse auf diesem Gebiet durch Ausstellungen, Seminare, Workshops und anderen Events sowie als Bibliothek. Das Lesen eines Großteils der Exponate vor Ort ist hier nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Die Website des Museums ist zweisprachig. Informationen zum Museum, seinen Öffnungszeiten und Eintrittspreisen, Veranstaltungen und anderen Angeboten sowie dem dazugehörigen Shop und Restaurant können hier auf Japanisch und Englisch nachgelesen werden. Außerdem gibt es eine Online Datenbank mit der zumindest ein Teil der museumseigenen Sammlung auch auf diesem Wege zugänglich ist.

ERFAHRUNGSBERICHT

Mein letzter Tag in Japan: Bereits am Nachmittag sollte ich mit dem Shinkansen zurück nach Tokyo und von der Shinagawa Station mit den passenden Verbindungen zum Flughafen Haneda fahren. Ich hatte also kaum Zeit, war an diesem Tag aber früh aufgestanden, da ich ein letztes Mal das Frühstück des Hotels in Anspruch nehmen wollte (Ich wohne sonst nie in Hotels. Die Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen) und bereits am Vormittag zum Check-Out musste (Tipp: Am Bahnhof in Kyoto gibt es ausreichend Schließfächer, um auch großes, sperriges Gepäck gegen einige Münzen sicher zu verwahren. Wer also nur durchreist, Kyoto aber besichtigen will, muss das Gepäck nicht bei sich tragen).

Prinzipiell war das ganz gut so. Doch wie die letzten Stunden nutzen? Zwar gab es in Kyoto den Aussichtsturm, den futuristischen Bahnhof, die Altstadt, Tempel und einige Museen, doch hatte ich diese Attraktionen entweder schon besichtigt, oder konnte die Aktivität zeitlich nicht unterbringen. Nach kurzer Recherche entschied ich mich für das Manga-Museum. Über dieses hatte in meinem Reiseführer gelesen. Es schien klein zu sein und war vom Bahnhof via JR Line und einem kurzen Gehweg gut zu erreichen.

Der einzige Weg in und aus dem Museum führte mich durch den Museumsshop. Gleich im darauf folgenden Raum waren verschiedensten Ländern zugeordnete Manga und Comics in Regalen ausgestellt. Es gab bereits hier einige Sitzmöglichkeiten, um BesucherInnen die Möglichkeit zu geben, Bücher Magazine und Hefte zu entnehmen und zu schmökern (Hinweis: Die meisten Hefte, Magazine und Bücher waren auf Japanisch. Wer lesen möchte, sollte also Japanisch-Kenntnisse mitbringen).

Zu sehen waren, verteilt auf drei Ebenen, verschiedenste Manga. Im zweiten Stock gab es außerdem die Hauptgalerie. Präsentiert wurden hier einerseits „Meisterstücke“ von 1945 bis 2005. Andererseits erhielten BesucherInnen auch Informationen zum Zusammenhang von Manga und Anime, Kommerz, zur Herstellung von Manga oder grundlegenden Zeichenprinzipien.

Raumansicht Hauptgalerie

Weiters gab es einen großen hellen Leseraum, Vitrinen mit Spielzeugen für Mädchen, einen Bereich in denen Gusshände verschiedener Manga-KünstlerInnen mit Unterschriften ausgestellt waren, einen Raum mit Künstlern, die heute als Pioniere des Manga gelten, ein Zimmer, in dem die Geschichte des Gebäudes gezeigt wurde, einen Platz, um zu zeichnen sowie einen Bereich für Kamishibai-Performances (Kamishibai ist eine mit Illustrationen arbeitende Form japanischen Straßentheaters).

Alles in allem verging die Zeit auch in diesem kleinen Museum sehr schnell. Sogar ich konnte das Museum in nur drei Stunden besichtigen, muss dem aber hinzufügen, dass ich die meisten dort ausgestellten Manga nicht einmal hätte lesen können. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich auch in diesem Museum mehr Zeit verbracht.

BESONDERHEITEN

Von Bibliotheken, Texten und Kunst

Dieses Museum war nicht nur ein Museum. Die Institution lud durch entsprechende Gestaltung der Räumlichkeiten ein, länger zu verweilen und zu lesen. Viele der Ausstellungsobjekte waren Hefte, Magazine und Bücher, die vor Ort entnommen werden konnten, was mehr an öffentliche Lesesäle in Bibliotheken als an Museen erinnerte.

Interessanterweise waren Texte hier kaum Ausstellungsobjekte, obwohl ich das von einem solchen Museum erwartet hätte. Texte schienen hier – anders als in einem Literaturmuseum – auch gar nicht im Mittelpunkt zu stehen. Doch worum ging es dann?

Im Nachhinein betrachtet, lag der Fokus wohl eher auf Manga als Kunstform. Immerhin gab es zwei Räume, die sich Manga-KünstlerInnen und einer Theaterform, die von Bildern, Illustrationen und Zeichnungen abhängig war, widmeten. Ein anderer Bereich wiederum sollte BesucherInnen selbst die Möglichkeit geben zu zeichnen. Auch war die Rede hauptsächlich von „KünstlerInnen“, nie aber von beispielsweise Zeichnern oder Illustratoren.

FAZIT

Das Museum ist allen zu empfehlen, die Manga mögen. Wer sich allerdings nicht für Kontextinformationen interessiert und einfach nur lesen will, ist gut beraten vor einem Besuch die japanische Sprache zu meistern (Viel Glück damit!). Wen historische und sozialwissenschaftliche Fakten zum Thema Manga interessieren, wird hier auch ohne Japanisch-Kenntnisse fündig.

– Text von K. –

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Das Edo-Tokyo-Museum, Tokyo

ALLGEMEINES

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Edo-Tokyo-Museum: Frontansicht

Das Edo-Tokyo-Museum liegt im Stadtteil Ryogoku, Sumida und eröffnete im März 1993. Das historische Museum fokussiert in seiner Dauerausstellung auf die Stadtentwicklung Tokyos der letzten 400 Jahre. Gezeigt werden sowohl Originale, als auch Replika und Modelle. Außerdem gibt es mehrmals im Jahr Sonderausstellungen und andere Veranstaltungen, wie beispielsweise themenrelevante Workshops.

Das Museum gilt seit seiner Eröffnung als Touristenattraktion und versucht zudem Ort des Austauschs, der Ruhe und regionaler Förderung zu sein. Weitere Informationen zum Museum, seinen Richtlinien, zu Dauer- und Sonderausstellungen, zu Öffnungszeiten oder Eintrittspreisen können einer fünfsprachigen Website – darunter auch Englisch – entnommen werden.

ERFAHRUNGSBERICHT

Das Museum – ich reiste via U-Bahn mit der Oedo Line an und stieg in der Station Ryogoku aus – war leicht zu finden (Tipp: Gehört man zu jenen TouristInnen, die gerne möglichst viele Aktivitäten in einen Tag packen, empfiehlt sich bei einem Kurzbesuch des Museums auch die Erkundung dieses Stadtteils. Hier befinden sich nämlich u.a. der größte Austragungsort des Sumo-Ringens, Kokugikan, ein Sumo-Museum ein öffentliches Bad und die Villa des Fürsten Kira. Letzterer könnte aus der Geschichte der 47 Ronin bekannt sein). Bereits am Ausgang der Station waren Tafeln, auf denen das Museum angeschrieben war, aufgestellt. Um auch nicht in die falsche Richtung gehen zu können (man könnte ja meinen, die Tafeln seien nur aufgestellt, um die Aufmerksamkeit potenzieller BesucherInnen zu ergattern oder sie aber von der Richtigkeit der Wahl des U-Bahnausganges zu überzeugen) waren zusätzlich große Pfeile angebracht. Ich folgte also Pfeilen und Beschilderung. Als ich das Ziel erreicht hatte, hielt ich inne: Das Gebäude war beeindruckend. Es war nicht nur groß, sondern unterschied sich auch architektonisch von den Bauwerken der Umgebung. Zudem stand es freier als diese und konnte so auf Passanten wirken. Es schien über allem zu schweben. Dieses Museum wäre auch ohne Wegweiser kaum zu übersehen gewesen.

Bevor ich die tatsächlichen Ausstellungsräume überhaupt betreten konnte, war eine Treppe zu überwinden, die auf einen ebenfalls sehr großen und weiten Platz führte. Dort waren im Außenbereich auch gleich Tickets für Dauer- und Sonderausstellung zu kaufen. Ich wollte die Dauerausstellung sehen. Vom Ticketschalter aus ging es dann via Rolltreppe im Außenbereich des Gebäudes durch eine Röhre ins eigentliche Museum.

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Platz vor dem Museum. Die Rolltreppe in Rot.

Die Wände waren mit lebensgroßen Abbildungen von JapanerInnen in der Kleidung unterschiedlicher Epochen geschmückt. Dann, endlich im Museum angekommen, wurden Tickets kontrolliert, konnten aber nicht erworben werden. Auch stellte ich erst hier fest, dass Garderoben und Spind in einem anderen Bereich des Museums waren, den ich auf dem Weg gar nicht passiert hatte.

Da ich erst gegen 13:00 im Museum angekommen war, wollte ich keine Zeit mit der Suche nach Abgabemöglichkeiten für Jacke und Rucksack verschwenden und entschied mich daher alles bei mir zu tragen. Weil meine Kamera im Gepäck war, sollte sich das später als vorteilhaft herausstellen. Im Museum gab es viele beeindruckende und zum Teil lebensgroße Modelle, die ich gerne fotografierte. Fotografiert werden, durfte im Übrigen alles – ohne Blitz. Ausnahmen wurden extra gekennzeichnet.

Was sofort positiv auffiel, waren Orientierungshilfen und die Mehrsprachigkeit des Museums. Gleich zu Beginn waren Folder in mehreren Sprachen erhältlich. Diese enthielten wesentliche Informationen einerseits. Andererseits waren die Räumlichkeiten abgedruckt und inhaltlich gekennzeichnet. Ein solcher Lageplan fand sich auch unmittelbar vor dem Gang, der zu den ersten Exponaten führte. Ebenfalls überraschend war die Möglichkeit gratis Führungen  in verschiedensten Sprachen (was engagierte ehrenamtliche MitarbeiterInnen erst ermöglichten): Japanisch, Englisch, Chinesisch, Koreanisch, Französisch, Deutsch und Spanisch (Tipp: diese Führungen werden nur von 10:00 bis 15:00 angeboten. Es empfiehlt sich außerdem im Voraus eine Führung zu vereinbaren, da nicht ständig Führungen in all diesen Sprachen angeboten werden können).

Die Exponate befanden sich in einer riesigen Halle auf zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene, die schnell durchgangen war, wurde die Geschichte des Edo-jo, der größten Burg Japans und Sitz des Tokugawa-Shoguns, sowie die damalige Bezirksentwicklung dargestellt.

Die zweite Ebene war in eine „Edo Zone“ sowie in eine „Tokyo Zone“ unterteilt. Letztere begann mit der Meiji-Ära, deren Anfang mit 1868 definiert wird, und endete in der Gegenwart. Die Edo-Periode, die Anfang des 17. Jahrhunderts beginnt, widmete sich dem alltäglichen Leben der BewohnerInnen Edos jener Zeit, Kommerz, ästhetischen Prinzipien, Informationskanälen und vielem mehr. Getrennt wurden die beiden Bereiche durch eine Fläche mit Sitzmöglichkeiten und den Museumsshop.

Auch hier wurde ich – wieder einmal – mit meinem üblichen Problem in Ausstellungen und Museen, die mich thematisch interessieren, konfrontiert: Zeitmangel! Ich wollte nicht lange bleiben bzw. wenigstens die gesamte Dauerausstellung in nur 4,5 Stunden sehen, da das Museum dann schließen würde. Nach drei Stunden hatte ich die Bereiche zu Edo gesehen. Dabei hatte ich durchaus versucht, mich zu beeilen! Die restliche Zeit verbrachte ich im Museumsshop und mit wenigen Kapiteln der Tokyo Zone.

BESONDERHEITEN

Mehrsprachigkeit – Das Non Plus Ultra für TouristInnen

Wie bereits weiter oben erwähnt, wurde Multilingualität in diesem Museum groß geschrieben. Einerseits wurden gratis Führungen in verschiedensten Sprachen – nämlich  auf Japanisch, Englisch, Chinesisch, Koreanisch, Französisch, Deutsch und Spanisch – angeboten. Andererseits waren die meisten Texte vor Ort nicht nur auf Japanisch, sondern auch auf Englisch verfasst. Für ein Museum, das als Touristenattraktion gilt und deswegen auch mit BesucherInnen, die kein Japanisch sprechen, zu rechnen hat, ist das unverzichtbar (wobei ich der Meinung bin, dass es sich in Bildungsinstitutionen, die auch dem Austausch dienen, prinzipiell lohnt mehrsprachig zu denken, zu sprechen und zu handeln, um möglichst viele Personen auch tatsächlich erreichen zu können – egal, ob das nun UrlauberInnen sind oder nicht).

Spannend war allerdings, dass einige der Texte mittels im Raum angebrachter Computer und Touchscreen auch in anderen Sprachen zu lesen waren.

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Computer mit Touchscreen neben regulären Beschriftungen

Diese Computer gab es fast überall. Jene Informationen, die unmittelbar auf Tafeln verschiedene Bereiche und Exponate auf Japanisch und Englisch erklärten, konnten so auch in neun weiteren Sprachen gelesen werden.

Zwar war ich von diesem Angebot positiv überrascht und auch beeindruckt, doch ertappte ich mich öfters dabei, von Text zu Text zu wandern – es gab unglaublich viel zu lesen – statt die dort ausgestellten Objekte zu betrachten. Erst als ich kaum mehr in der Lage war, Informationen in Textform aufzunehmen, begann ich, mich auf die Objekte einzulassen und überhaupt zu sehen, was sich im Raum befand. Diesbezüglich gab es allerdings Ausnahmen: Lebensgroße Modelle waren, ebenso wie Miniaturmodelle, die direkt auf dem Weg zum nächsten Text aufgestellt sind, schwer zu übersehen.

Seither frage ich mich, wie viel Text ein Museum benötigt: Macht es immer Sinn BesucherInnen textliche Informationen zu geben? Natürlich entspricht das unseren Sehgewohnheiten und unseren Erwartungshaltungen. Wir gehen in ein Museum. Wir sehen Objekte. Wir erhalten in schriftlicher Form weitere Informationen zu diesen Objekten und zu den Bereichen und Räumen, denen sie zugeordnet werden. So kontextualisieren wir, was wir gezeigt bekommen. Was wäre aber, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden würden? Könnte es Ausstellungen geben, die vom Mangel oder gar von der Abwesenheit diverser Texte profitieren könnten? Und sollten wir uns für Texte entscheiden, in welchem Ausmaß fordern wir welche Informationen? Um zu lesen, muss schließlich niemand eine Ausstellung besuchen. Die Auseinandersetzung mit Texten in Museen ist wahrscheinlich widersprüchlich. Klare Antworten gibt es kaum und sie sind wohl auch immer abhängig vom Kontext: Ort, Inhalt, Zeit, Menschen, individuelle Vorlieben.

Modelle, Modelle, Modelle – Was noch?

Zwar wird auf der Website des Museums kurz erwähnt, dass sowohl Originale, als auch Nachahmungen ausgestellt werden und die Sammlung außerdem über 590.000 Objekte fasst, doch kann ich mich leider kaum an die Objekte erinnern. Ein Grund hierfür ist natürlich diese unglaubliche Menge an Texten (ich gebe zu, ich hätte nicht versuchen müssen ALLES zu lesen). Der andere Grund sind die dort ausgestellten Modelle.

Ja, Modelle sind auch Objekte, die ausgestellt werden können. In einem historischen Museum hätte ich nur nicht damit gerechnet, hauptsächlich auf kleinste, sehr detailreiche Nachbauten verschiedener Gebäude zu stoßen. Andere Modelle, wie beispielsweise der Nachbau eines Kabuki-Theaters basierend auf historischen Quellen, sind lebensgroß und könnten begangen werden.

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Nachbau des Kabuki-Theaters

BesucherInnen erhalten außerdem die Möglichkeit auszuprobieren wie schwer beispielsweise die Last eines Fischverkäufers durchschnittlich war. Hier dürfen also einige Dinge angefasst und gehoben werden. Was mit Originalen auch aus im Hinblick auf Bewahrung der Gegenstände und Restauration nicht möglich ist, wird mit Hilfe von Modellen in diesem Punkt also ermöglicht. Auch ist die Liebe zum Detail jedes einzelnen Modells faszinierend und bereitet Freude.

Auch konnte ich wieder Fragen aus dem Museum mitnehmen, weil meine üblichen Erwartungen nicht erfüllt wurden. Wie ist das nun mit den Texten in Museen? Und welche Objekte hätte ich denn in einem historischen Museum erwartet? Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Aber ich plane, mir in naher Zukunft weitere (stadt-)historische Museen anzusehen, um vergleichen zu können und möglicherweise sogar Antworten auf meine Fragen zu finden. Ich werde berichten…

FAZIT

Auch dieses Museum ist einen Besuch wert – vorausgesetzt man bringt entweder Interesse an der Entwicklung Tokyos, oder aber Liebe zu Modellbauten mit. Auch im letzteren Fall könnten BesucherInnen auf Ihre Kosten kommen. Wie intensiv man sich mit den Inhalten der Dauerausstellung auseinandersetzen will, ist jedem selbst überlassen. Wer durcheilt und nur hier und da stehen bleibt, wird wahrscheinlich bis zu zwei Stunden (Museumsshop inklusive) für einen Besuch benötigen. Wer Museen so besucht wie ich, sollte besser einen Tag für die Besichtigung der Dauerausstellung einplanen.

– Text von K. –

 

Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft, Tokyo

ALLGEMEINES

Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft in Tokyo umfasst zwei Gebäudekomplexe auf mehreren Ebenen. Im ersten Gebäude werden auf drei Ebenen hauptsächlich mit Japan verbundene Inhalte thematisiert und entsprechende Ausstellungsstücke präsentiert. Die übergeordneten Themen sind hier die Naturgeschichte Japans, die gegenwärtige Natur Japans, Organismen Japans und damit verbundene Forschungsmethoden. Außerdem befinden sich hier eine Halle für Sonderausstellungen sowie das Theater 360.

Frontansicht des Museums

Gebäude #2 beherbergt auf über fünf Stockwerke verteilt Objekte, die global zu kontextualisieren sind. BesucherInnen können sich hier von der Geschichte des Universums über Evolution und Biodiversität bis hin zu Forschungstechnologien, Fortschritten in Wissenschaft und Technologien sowie einem großen Forschungsbereich für Familien mit Kindern (Kinder dürfen hier tatsächlich spielen und sogar klettern) verschiedensten Themen widmen. Auf dem Dach ist außerdem ein Kräutergarten. Natürlich gibt es ein Restaurant, einen Museumsshop und als besonderen Bonus einen mobilen Raketenwerfer im Außenbereich. Detaillierte Informationen sind bei Bedarf einer ausfürlichen, übersichtlichen und zweisprachigen (Japanisch und Englisch) Website zu entnehmen.

Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft liegt im Ueno-Park. Seine unmittelbaren Nachbarn sind das Ueno Royal Museum, das Nationalmuseum für westliche Kunst, das Kunstmuseum der Stadt Tokyo, das Museum der Kunsthochschule Tokyo und das Nationalmuseum Tokyo.

ERFAHRUNGSBERICHT

Es regnete stark an dem Tag, an dem ich das Museum besichtigte. Ursprünglich hatte ich daher geplant, auch andere Museen zu besichtigen. „Wenigstens das Nationalmuseum und eine der Sonderausstellungen in den Kunstmuseen“, so dachte ich, „kann ich leicht an einem Tag besichtigen.“ In Vorfreude auf die vielen Ausstellungen, dich ich also bald besichtigen würde, betrat ich gegen 11:30 das Museum. Ich fand mich gut zurecht, legte Rucksack und Schirm im Spind ab und marschierte geradlinig in die oberste Etage des kleineren Gebäudekomplexes, um dort zu bemerken, dass Räume und Objekte ausschließlich auf japanisch beschriftet waren. Ich hatte, geblendet von Idealvorstellungen (Inklusion möglichst vieler Personen, was untere anderem bedeutet, mindestens zweisprachig zu agieren) und einem meiner Lieblingsmuseen in Wien, mit zweisprachigen Texten gerechnet (später sollte ich zwischen all den japanischen Schriftzeichen auch einige Texttafeln auf Englisch finden).

Ich ging also wieder ins Erdgeschoss, um mir ein Guidebook oder vergleichbares zu besorgen. Eilig hatte ich es nicht: Immerhin war ich nach wie vor davon überzeugt, das Museum in drei Stunden besichtigen zu können. Die Dauerausstellung, in der ich mich befand war durchaus zu bewältigen.

Unten angekommen besorgte ich mir gegen Entgelt (Yen 310,00) sowie der Vorlage eines Lichtbildausweises (Tipp: Den Pass in Tokyo mitzunehmen, hat auch andere Vorteile. Ohne Pass, der durchaus auch eingescannt wird, gibt es beispielsweise keine steuerfreien Einkäufe oder andere Ermäßigungen) ein Tablet, wobei ich auch einen Audioguide hätte wählen können. Beides war in vier Sprachen verfügbar: Japanisch, Koreanisch, Chinesisch und Englisch. Meine Wahl fiel übrigens deswegen auf das Tablet, da ich damit verschiedenste Texte lesen konnte und Routen durch das Museum vorgeschlagen wurden. Ich wählte jene Route, die mich möglichst ausführlich durch den zweiten Gebäudekomplex, der globalen Gallerie, führen würde. Dazu musste ich das Gebäude wechseln: auch ohne Schirm kein Problem, weil der Weg überdacht war.

Ich begann meine Besichtigung des Museums mit Hilfe des Tablets im Erdgeschoss der globalen Gallerie mit dem Urknall und der Enstehung des Universums, über die Entwicklung verschiedener Organismen und das Auftreten der ersten Menschen bis in die Gegenwart. Ich fand mich wieder im obersten Stockwerk, wo ich Objekte im Zusammenhang mit Fortschritt in Japans Wissenschaft und Technologien von der Edo-Periode bis heute bewunderte und zufällig einen Blick auf die Uhr warf: 16:00! Noch eine Stunde bis das Museum schließen sollte. Ich hatte aber erst einen Bruchteil des Museums gesehen. In diesem Komplex war ich fünf von neun Bereichen abgegangen, den sechsten besuchte ich innerhalb der letzten Stunde. Im ersten Gebäude, das hauptsächlich auf den japanischen Kontext fokussiert, hatte ich nichts gesehen. Die Zeit war wie im Flug vergangen.

BESONDERHEITEN

Gelenkter Blick – Vorgeschlagene Routen durch das Museum

Im oberen Abschnitt habe ich schon kurz erwähnt, dass, benutzen BesucherInnen das Tablet als Guide durch das Museum, bestimmte Routen vorgeschlagen werden. Das hat sowohl Vor-, als auch Nachteile. Nachteilig ist, dass das Publikum sich weniger frei durch das Museum bewegt und es für sich entdecken kann. Sein Blick wird, ebenso wie der Gang durch die Räume, stark gelenkt.

In diesem Museum habe ich die Richtungsweisungen trotz allem sehr genossen und fand sie hilfreich: Zum einen ist das Museum unglaublich groß. Wer erstens nicht viel Zeit hat oder investieren will und außerdem über keinerlei Japanisch-Kenntnisse verfügt, tut gut daran, sich führen zu lassen. Das gilt vor allem dann, wenn die Option wieder zu kommen, nicht besteht. Zweitens erfährt man implizit einiges über inhaltliche und wissenschaftliche Schwerpunktlegungen des Museums.

Der Bereich „Tiere der Welt“ – Ein Vergleich mit dem NHM Wien

Ich bin quasi im naturhistorischen Museum Wien (NHM Wien) aufgewachsen. Meine Mutter brachte meine Brüder und mich im Rahmen unserer sehr regelmäßigen Ausflüge in die Hauptstadt Österreichs entweder in den Zoo oder in eben dieses Museum. Im Zoo betrachteten wir lebendige Tiere. Im Museum sahen wir die gleichen Tiere (und viele mehr) erneut. Nur waren sie in diesem Fall tot, ausgestopft oder schwammen in Glasbehältern, eingelegt in irgendwelche Flüssigkeiten. Im ersten Stock reihten sie sich in Vitrinen, beschriftet mit einem kleinen Schild, auf dem die korrekte Bezeichnung des Tieres zu lesen war. Die Menge an toten Tieren war schlichtweg atemraubend (und so absurd das an dieser Stelle klingen mag: Ich besuche das NHM Wien gerne).

Im Erdgeschoss dagegen – ebenfalls in Glasvitrinen und ähnlich beschriftet (mittlerweile gibt es genauere Beschriftungen und Raumtexte) – türmten sich archäologische Fundstücke und Mineralien. Auch hier war die Menge nicht überschaubar. Häufig waren und sind von einer Objektgattung mehrere Objekte ausgestellt, die sich außerdem alle ähnlich sehen. Für ExpertInnen ist das mit Sicherheit durchaus zu begründen und wissenschaftlich relevant. Was aber sehen durchschnittliche MuseumsbesucherInnen? Noch so eine Speerspitze? Noch so einen Stein? Noch so ein totes Tier ohne nützliche Zusatzinformationen?

Im Vergleich dazu hat das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft einen klaren Pluspunkt. Es stellt zu jedem Thema deutlich weniger Objekte aus und gibt ausreichend Zusatzinformationen. In diesem Museum konnte ich nachvollziehen, warum beispielsweise bestimmte Mineralien ausgestellt waren. Auch die Anordnung der Objekte wurde zum Teil erklärt, was aus exemplarischen Gründen auch schon zum Bereich „Tiere der Welt“ führt.

Dieser Raum zeigt ausgestopfte Säugetiere und Vögel. BesucherInnen werden via Tablet textlich dazu eingeladen, die Tiere einfach zu betrachten und zu bewundern.

Raumfoto des Bereichs „Tiere der Welt“

Wissenschaftlicher Mehrwert toter Tiere wird nicht postuliert. Allerdings gibt es einige Computer mit Touchscreen, die weitere Informationen zu den Tieren liefern. Wer beispielsweise mehr über Löwen wissen will, klickt auf diesem Computer auf die Abbildung des im Raum ausgestellten Löwen. Das eröffnet weitere Optionen. BesucherInnen können hier mehr über das Tier, dessen Habitat oder mit ihm verbundene Theorien erfahren.

Um aber auf Erklärungsmodelle im Hinblick auf die Anordnung von Objekten zurück zu kommen, ist hier jener Schaukasten von Bedeutung, der verschiedenste Vögel zeigt. Der Blick des Publikums wird auf die Schnäbel, deren Form Auskunft über Fressgewohnheiten der Tiere gibt, gelenkt. Diese waren auch ausschlaggebend für die Aufstellung. Von links nach rechts wurden fleisch-, fisch-, aas- und pflanzenfressende Vögel gezeigt. Das ist zumindest ein Anhaltspunkt, den das NHM Wien nicht liefert.

Natürlich ist die Anschaffung von Tablets und Computern mit Touchscreen im Museum auch eine Geldfrage. Die Auswahl von Objekten und die Entwicklung eines nachvollziehbaren, roten Fadens durch die Ausstellung sind es nicht. Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft hat letzteres gemeistert. Kompliment!

Fehlt da nicht…? Texte im Bereich „Fortschritt in Wissenschaft und Technologie“

Raumfoto des Bereichs „Fortschritt in Wissenschaft und Technologie“

Diesem Abschnitt vorausgeschickt sei, dass ich kein Japanisch spreche und Englisch meine Zweitsprache ist. Das heißt, ich konnte einerseits nicht alle Texte lesen. Andererseits waren jene Texte, die mir zur Verfügung standen, nicht in meiner Muttersprache verfasst. Beides ist in Folge mitzudenken, meine Gedanken und Feststellungen sind in diesem Sinne zu hinterfragen.

Zunächst fiel mir im oben genannten Abschnitt die Schwerpunktlegung auf. Der Fokus lag eindeutig auf Japan im internationalen und globalen Vergleich. Beispielsweise wurden an einer Stelle medizinische Praktiken Japans während der Edo-Periode (zwischen 1603 und 1868) im Vergleich zu chinesischen und europäischen Praxen erörtert. Im Gegensatz zu europäischer Medizin orientierte sich jene Japans oder Chinas eher an Prävention. Entsprechend waren auch die medizinischen Erkenntnisse, wobei durch Kulturkontakt auch Wissenstransfer stattfand. Erwähnt wird hier noch, dass die erste Brustkrebsoperation weltweit in Japan durchgefuehrt wurde, wobei offen bleibt, ob diese überhaupt erfolgreich war.  Dem scheinbar neutralen Vergleich folgt so schließlich die Erzählung von Japans herausragender Leistung. Dieses Muster zieht sich hier durch viele Texte.

In einem anderen Text wird Japans Außenpolitik und Abschließung bis zur erzwungenen Öffnung 1853 thematisiert. Zwar wird angedeutet, dass Japan gezielt versuchte, internationale und globale Einflüsse aus dem Land zu halten, doch wird gleichzeitig die Beziehung mit Holland hervorgehoben. Der Handel mit Holländern war erlaubt. Sie hatten sogar einen Handelsstützpunkt. Auf diesem Weg kamen trotz allem europäische Waren und Kulturgut, Religion (Christentum) und westliches Wissen nach Japan. Letzteres ist zwar korrekt, verleitet möglicherweise aber zum Glauben, die Isolationspolitik sei im Großen und Ganzen friedlich abgelaufen. Das wiederum stimmt nicht. Beispielsweise wurden Ausländer, die sich ungewollt im Land aufhielten, verfolgt und getötet. Gleiches galt für japanische Christen, die sich weigerten, ihrem Glauben öffentlich abzuschwören.

Solche Inhalte sind zwar nicht direkt mit gewolltem Wissenstransfer, wissenschaftlichem und technischem Fortschritt zu verbinden, doch werden sie dann relevant, wenn textliche Formulierungen den Eindruck entstehen lassen können, dass alle damit verbundenen Prozesse und Ereignisse problemlos und gewaltfrei abgelaufen seien.

FAZIT

Ich liebe dieses Museum, könnte dort leicht eine Woche verbringen und würde trotzdem jeden Tag Neues entdecken (wobei hier angemerkt werden sollte, dass ich seit meiner Kindheit ein Faible für naturhistorische, naturwissenschaftliche und technische Museen habe). Was Größe und Zeit anbelangt, empfehle ich entweder mehr Zeit mitzubringen oder andere Wege durch das Museum zu wählen. BesucherInnen könnten sich den Weg durch das Museum selbst suchen oder aber jene Route wählen, die zum Beispiel nur die Highlights des Museums vorstellt.

– Text von K. –