Mit Haut und Haar, Wien Museum Karlsplatz

ALLGEMEIN

Der erste Vorläufer des heutigen Wien Museums, das Historische Museum der Stadt Wien, eröffnete 1888  im damaligen Rathaus. Bereits 1900 thematisierte der Gemeinderat Wien aber einen Neubau des Museums, da die architektonischen Rahmenbedingungen nur bedingt als Ausstellungsort geeignet waren und zudem nicht ausreichend Raum für Exponate zur Verfügung stand. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dieses Vorhaben dann realisiert. Das Wien Museum Karlsplatz, damals noch unter anderem Namen, eröffnete 1959 am heutigen Standort (siehe WAISSENBERGER, Robert [Hg.] 1984: Schausammlung. Historisches Museum der Stadt Wien).

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Heute verfügt das Wien Museum über verschiedenste Standorte. Zu diesen zählen neben dem Museum am Karlsplatz, u.a. auch das Uhrenmuseum, das Römermuseum oder das Pratermuseum sowie diverse Musikerwohnungen, wie z.B. Schuberts Geburtshaus oder dessen Sterbewohnung.

Neben der Dauerausstellung zeigt das Wien Museum Karlsplatz regelmäßig Wechselausstellungen. Die Räumlichkeiten für diese befinden sich im Erdgeschoß in unmittelbarer Nähe zu Kassa und Museumsshop, der Zugang ist nicht zu übersehen.

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MIT HAUT UND HAAR. FRISIEREN, RASIEREN, VERSCHÖNERN.

Die Sonderausstellung MIT HAUT UND HAAR. FRISIEREN, RASIEREN, VERSCHÖNERN eröffnete am 19. April 2018 und ist bis zum 6. Januar 2019 anberaumt. Thematisiert werden Praktiken und Bedeutungen der Körperpflege seit dem 18. Jahrhundert, wobei der Fokus auf frisieren, rasieren und Kosmetik in Wien liegt. Prämisse ist außerdem, dass die Gestaltung des Körpers eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit ist und Körper immer auch kulturell geformt werden.

ERFAHRUNGSBERICHT

Ein Freitag Vormittag im Museum bedeutet meistens relativ leere Räumlichkeiten und damit ausreichend Platz, um in aller Ruhe Texte lesen und Objekte betrachten zu können. Großartig! Nach zwei Stunden hatte ich gesehen, was ich sehen wollte, sämtliche Ausstellungstexte gelesen und war total begeistert, ohne genau zu wissen, was mich an dieser Ausstellung so faszinierte.

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Raumansicht – Kapitel 2 „Arbeit am Körper“

Ursprünglich wollte ich daher auf einen Blogeintrag verzichten – möglicherweise hatte ich ja einfach nur einen guten Tag, wollte nicht analysieren und meine Meinung nicht begründen. Trotzdem griff ich zum Tagebuch, um mir für den Fall der Fälle wenigsten Notizen zu machen. Im Schreiben fand ich meine Antworten: Den AusstellungsmacherInnen von Mit Haut und Haar war es gelungen, den Fokus auf Objekte zu legen, statt Objekte zur Illustration von Ausstellungstexten zu verwenden. Diesen Ausstellungsbesuch hatte ich daher hauptsächlich in der Auseinandersetzung mit Objekten, nicht aber im Lesen von Texten verbracht.

DAS VERHÄLTNIS VON TEXT ZU OBJEKT

Die Auseinandersetzung mit Texten im musealen Bereich beschäftigt mich bereits seit den letzten Einträgen: Im Haus der Geschichte Niederösterreich, waren mir die Texte zu banal, während mich im naturhistorischen Museum der Stadt Genf die Einsprachigkeit ärgerte. Im Zusammenhang mit der Sonderausstellung Zwischen den Kriegen im Schlossmuseum Linz freute ich mich in Folge zumindest über die Umsetzung von Mehrsprachigkeit in kleinen Ausstellungen. Was mir hier deutlichst vor Augen geführt wurde, ist die schiere Textmenge mit der BesucherInnen in Ausstellungen oft konfrontiert werden. Oft habe ich den Eindruck, dermaßen viel Text bewältigen zu müssen, dass ich vom eigentlichen Museumsbesuch nichts habe, weil ich permanent lese. Oder aber ich stehe in einer Ausstellung, suche nach Informationen, finde einen viel zu kurzen Bereichstext, knappe Objektlabels und darf mich dann fragen, was die Gesamtkonstruktion eigentlich soll. In Mit Haut und Haar dagegen findet einen Mittelweg und arbeitet v.a. mit drei klar strukturierten Textebenen: 1) Ausstellungstext, 2) Kapiteltexte und 3) Objekttexte.

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Raumansicht – Kapitel 4 „Körperzeichen“

1) Der Ausstellungstext ist direkt am Eingang zu den Räumlichkeiten angebracht. Noch bevor BesucherInnen Objekte überhaupt sehen, oder sich mit Inhalten auseinandersetzen können, wird hier erklärt, wovon die Ausstellung erzählt. Auch wird sogleich der Aufbau durch Bekanntgabe der einzelnen Kapitel offengelegt.

2) Insgesamt gibt es in der Ausstellung vier Kapitel, die jeweils von sehr kurzen Texten eingeleitet werden, den Fokus legen, damit natürlich den Blick des Publikums lenken und Interpretationsmöglichkeiten anbieten, gleichzeitig aber die Objekte kontextualisieren. Letztere sind 3) natürlich auch beschriftet. Informationen, die die Objekte begleiten, sind u.a. Objekttitel, Datierung und Provenienz bzw. LeihgeberIn.

FAZIT

Da die Texte knapp gehalten wurden, gleichzeitig aber ausreichend Informationen gaben, war ich nicht gezwungen übermäßig viel zu lesen, konnte mich aber zwei Stunden lang an Objekten, der Ausstellungsgestaltung und dem strukturierten Aufbau erfreuen. Was mir später jedoch klar wurde, war, dass ich kaum neue Inhalte oder Anreize mitgenommen hatte. Dass Körper kulturell formbar und historisch wandelbar sind, wusste ich bereits.

Fairerweise muss ich anmerken, dass das aber durchaus mit meinem persönlichen Hintergrund, meinem früheren Studium der Kultur- und Sozialanthropologie und entsprechenden Schwerpunktlegungen zu tun haben könnte. Dennoch vermute ich, dass dieser Umstand zumindest teilweise dem Weniger an Texten geschuldet ist: Weniger Text bedeutet eben auch, BesucherInnen weniger Theorien und Hintergrundwissen präsentieren zu können.  Allerdings sind die Möglichkeiten eines Museums begrenzt. Wer lesen will, kann das auch zu Hause tun – v.a. wenn das Thema interessiert. Insofern eine gelungene Ausstellung!

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Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938, Schlossmuseum Linz

ALLGEMEIN

Das Schloss wurde 799 erstmal in einer Urkunde erwähnt, diente im Laufe der Jahrhunderte als Wohnsitz, Militärspital, Provinzialstrafhaus und Kaserne, bis die Stadt Linz 1952 die kulturelle Verwendung des Gebäudes und 1963 dessen ausschließliche Nutzung als Landesmuseum beschloss. Die Eröffnung des Schlossmuseums Linz – Oberösterreichisches Landesmuseum fand schließlich 1966 statt. IMG_20180429_101715

Heute zeigt das Museum auf einer Fläche von über 10.000m2 Fläche Dauerausstellungen zu Oberösterreichs Natur-, Kultur- und Kunstgeschichte. Sonderausstellungen greifen aktuelle regionale und internationale Themen auf. Seit dem 2. Februar 2018 präsentiert das Schlossmuseum Linz die Sonderausstellung „Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938„. Diese ist noch bis zum 13. Januar 2019 zu besichtigen und Gegenstand dieses Eintrags.

ERFAHRUNGSBERICHT

Die Sonderausstellung befindet sich im Untergeschoss des Gebäudes. Um dorthin zu gelangen gibt es zwei Möglichkeiten. BesucherInnen können entweder durch einen Teil der Dauerausstellungen gehen, oder aber mit dem Lift bequem ins untere Geschoss fahren. Dort begrüßt eine große Texttafel alle Ankommenden auf Deutsch, Englisch und Tschechisch. Wer den Museumsbesuch von hier aus im Jahr 1918 beginnen will, geht zunächst einen Gang entlang und biegt an dessen Ende links ab. Zu sehen sind hier bereits einführende Ausstellungselemente. Auch ein fiktiver Charakter, ein Heimkehrer aus dem ersten Weltkrieg, wird hier vorgestellt. Dieser führt teilweise durch die Ausstellung und gewährt durch seine Biografie sowie jene seiner Familie Einblick in Menschenleben dieser Zeit. IMG_20180429_103831

Biegen BesucherInnen dagegen gleich zu Beginn dieses Gangs links ab, startet die Ausstellung mit Österreichs Anschluss an Nazi-Deutschland und Hitlers Einmarsch in Linz.

Der Aufbau der Ausstellung ist chronologisch, wobei sich jeder Raum außerdem einem oder mehreren Themen widmet, die besonders gut in bestimmte Perioden der Jahre 1918 bis 1938 zu passen scheinen. So sind im ersten Raum, der sich mit Kriegsende, Heimkehr und der Ausrufung der Republik beschäftigt, die Jahre 1918 bis 1924 zentral. Der zweite Raum dagegen thematisiert den wirtschaftlichen Aufschwung der 1920er und zeigt beispielsweise Neuheiten in Mode, Technik und Tourismus.

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Blick durch die Räumlichkeiten der Ausstellung ausgehend von Raum 2

Darauf folgt eine Auseinandersetzung mit der Wirtschaftskrise und antidemokratischen Kräften, wo vor allem auf die unterschiedlichen Parteien eingegangen wird. Die Zeitleiste dieses Bereichs, der im Übrigen zwei Räume und einen kleinen Vermittlungsbereich umfasst, beginnt mit 1930 und endet vier Jahre darauf. Niedergang und Ende der Demokratie beschließen mit einer Zeitleiste von 1935 bis 1938, entsprechenden Objekten und Texten schließlich die Sonderausstellung.

BESONDERHEITEN

GEGEN DIE EINSPRACHIGKEIT

In meinem letzten Blogeintrag „Naturhistorisches Museum der Stadt Genf“ habe ich mich über die Einsprachigkeit in öffentlichen Museen des 21. Jahrhunderts geärgert – v.a. bei gleichzeitiger Betonung der globalen Relevanz diverser Museumsinhalte. Die Vermittlung dieser hat nämlich keine Bedeutung, wenn sie auf Grund sprachlicher Schwierigkeiten nicht verstanden werden kann.

Umso größer meine Freude gleich zu Beginn dieses Ausstellungsbesuchs: Zwar sind sämtliche Texte in der Ausstellung – wahrscheinlich auch aus Platzgründen – ausschließlich auf Deutsch angeführt, doch werden für BesucherInnen Hefte mit den gleichen Texten auf Englisch und Tschechisch angeboten. Die Broschüren sind unmittelbar beim ebenfalls dreisprachigen Einführungstext gratis zu entnehmen.

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Text zur Ausstellung auf Deutsch, Englisch und Tschechisch. Die Broschüren enthalten die Ausstellungstexte auf Englisch und Tschechisch.

Für eine Dauerausstellung mag das keine passende Lösung sein, doch ist diese Variante Mehrsprachigkeit im Museum zu etablieren für eine Sonderausstellung in dieser Größenordnung eine absolut akzeptable und pragmatische Lösung.

FAZIT

Die Ausstellung hat mich im Zusammenhang mit Inhalten oder Präsentationsarten kaum überrascht: Die Inhalte entsprechen letztendlich dem üblichen Schulstoff, ergänzt um einige Objekte. Der Aufbau ist streng chronologisch und übersichtlich. In den einzelnen Räumen werden, wie oben beschrieben, überdies auch Themenschwerpunkte gelegt, die zum linearen Ablauf der musealen Erzählung passen. Auf Grund der zahlreichen Verbindungen zwischen Ausstellungsmaterialien sowie der Stadt Linz und Oberösterreich ist „Zwischen den Kriegen. Oberösterreich 1918-1938“ für BesucherInnen mit regionalem Bezug wahrscheinlich spannender. Auch für Schulklassen könnte diese Ausstellung eine interessante Vertiefung des aktuellen Schulstoffs darstellen. Alles in allem bin ich daher froh, die Ausstellung gesehen zu haben, muss aber kein zweites Mal hin.

„Work it, feel it!“ in der Kunsthalle Wien

ALLGEMEIN

Die Kunsthalle Wien eröffnete 1992 in einem gelben Containerbau am Karlsplatz. 2001 wurde dieser zu einem Glaspavillon umgebaut und verkleinert. Außerdem bezog sie im gleichen Jahr ihr Haupthaus im Museumsquartier.

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Eingang Kunsthalle Wien

Seit ihrer Eröffnung widmet sich die Kunsthalle Wien nationaler und internationaler Gegenwartskunst und berücksichtigt dabei aktuell relevante Diskurse und alltägliche Themen. Sich als offenes Forum und Verhandlungsstätte begreifend, verfügt sie über keine eigene Sammlung, sondern fokussiert neben Ausstellungen auf ergänzende Vermittlungsprogramme, die TeilnehmerInnen verschiedenste Zugangsmöglichkeiten eröffnen, künstlerische Praxis mit theoretischer Reflexion verbinden und zeitgenössische Diskurse aufgreifen sollen.

ERFAHRUNGSBERICHT

Vorausgeschickt sei, dass dies wohl mein bisher persönlichster Eintrag wird, was zwei Gründe hat: 1) Üblicherweise meide ich Kunstausstellungen, da ich, sobald ich solche Ausstellungen oder Kunstmuseen betrete, verloren bin. Zwar gibt es immer einige Werke, zu denen ich mich hingezogen fühle, die mit mir „sprechen“ und mich durchaus leiten könnten, doch verstehe ich – spätestens wenn ich Bereichs- oder Objekttexte lese -nichts mehr. Möglicherweise liegt das an mir. Vielleicht liegt das aber auch an Kunstausstellungen, die – wie natürlich andere Ausstellungen und Museen auch – bestimmte Sehgewohnheiten bedienen und Texte ans übliche Publikum anpassen. Das ist verständlich, in mancher Hinsicht legitim und ganz sicher sehr exklusiv.

2) Da mich dieses Vorurteil durch jede Kunstausstellung und durch jedes -museum begleitet und sowohl meinen Blick, als auch meine Gedanken beeinflusst, wollte ich von Beginn an nicht über Work it, feel it! schreiben: Museen und Ausstellungen zu beurteilen, ohne ihnen eine wirkliche Chance gegeben zu haben, ist ganz einfach unfair.

Trotzdem dieser Eintrag. Warum? Ich war mit KollegInnen in der Ausstellung und konnte erstmals vor Ort über die einzelnen Werke, aber auch über das Gesamtbild diskutieren. Wieder daheim wollte kein Eindruck, keine Idee bezüglich der Ausstellung meinem Kopf entweichen – also fing ich an zu schreiben.

WORK IT, FEEL IT!

Die Sonderausstellung Work it, feel it! wird im Rahmen der Vienna Biennale 2017 gezeigt und ist noch bis zum 10. September 2017 zu besichtigen. Sie thematisiert die Zukunft der Arbeit, wobei vor allem menschliche Körper als „Produktionswerkzeuge“ und „Konsumträger“ den Mittelpunkt künstlerischer Positionierungen bilden. Ausgangspunkt sind – stark vereinfacht – folgende Annahmen: 1) Wir leben in einer Kontrollgesellschaft, die unsere Körper nutzbar machen und uns so zu „perfekteren“, konsumierenden Subjekten erziehen will; 2) Neu entstehende Techniken unterstützen diese Prozesse. Im Übrigen werden letztere im Kontext der Ausstellung „Disziplinierung- und Kontrollmechanismen“ genannt.

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Arbeit des Kollektiv Apparatus 22 (vorne), Danilo Correale und Shawn Maximo

Die Anordnung der Objekte im Raum ist gut gewählt: Sie sind aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, da sie umrundet werden können und im Gehen durch den Raum meist im Sichtfeld bleiben. Auch die Arbeiten selbst sind interessant, beschäftigen sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Thematik und nehmen verschiedene Standpunkte ein.

Was zunächst guten Eindruck macht, wird in Kombination mit jenen Texten, die die künstlerischen Arbeiten begleiten, schwieriger. Im Hinblick auf Inhalte wird zunächst die Beschäftigung mit der Zukunft der Arbeit bzw. der Arbeit der Zukunft sowie an späterer Stelle die Auseinandersetzung mit prekären Arbeitssituationen postuliert. Definiert wird nicht, in welchem Kontext, an welchem Ort, in welchen Zusammenhängen oder für welche Personengruppen Arbeitsverhältnisse prekär sind, oder auf wessen Zukunft sich all diese Überlegungen beziehen. Sicherlich sind nicht alle Menschen gleichermaßen betroffen. Trotzdem lesen sich die Texte, als hätten sie allgemeine Gültigkeit. Hilfreich wären konkrete Beispiele, die sämtliche Gedankengänge tatsächlich mit Orten, Menschen und ihrer Arbeit verbinden.

Auch sprachlich sind die Texte mühsam. Obwohl wichtige Begriffe in einem Glossar des Begleithefts – in diesem finden sich auch die Texte zu den Objekten – erklärt werden, dient der Stil kaum dem Verständnis der einzelnen Werke oder der Ausstellung insgesamt und ist daher nicht zweckmäßig. Die Sätze sind lang, komplex, voller Theorien. Sie verführen dazu, ungenau überflogen oder ganz ausgelassen zu werden, was schade ist, da die einzelnen Arbeiten durchaus aussagekräftig sind (ich habe die Texte daheim erneut durchgelesen und mir die Ausstellung im Anschluss ein zweites Mal angesehen).

FAZIT

Ich mochte einige wenige der künstlerischen Positionierungen wirklich gerne. Sie laden ein zu diskutieren. Was ich der Ausstellung – trotz meiner Kritikpunkte im Hinblick auf den Mangel an konkreten Beispielen oder bezüglich langwierige Texte – lassen muss, ist folgendes: Work it, feel it! ist die erste Kunstausstellung, deren Inhalte mich verfolgt haben, über die ich schreiben musste und die ich außerdem wiederholt besuchte. Insofern lohnt sich wahrscheinlich auch ein Ausstellungsbesuch…

 

„Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ im MAK, Wien

ALLGEMEIN

Das Museum für angewandte Kunst, Wien (MAK) – mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie beispielsweise der U3 (Stubentor), der U4 (Landstraße), der Straßenbahnlinie 2 und zwei Buslinien (3A, 74A) leicht zu erreichen – präsentiert auf 2700 m2 Dauer- und Sonderausstellungen, die sich der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Design, Architektur und Gegenwartskunst widmen. Gesellschaftspolitische Fragen sollen innerhalb der Ausstellungen mit Ansätzen aus eben diesen Bereichen ergänzt werden, um neue Perspektiven zu entwickeln, Grenzbereiche auszuloten und so Nutzen für den Alltag zu schaffen.

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Haupteingang Museum für angewandte Kunst, Wien

Die Sonderausstellung Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine wird im Rahmen der Vienna Biennale 2017 Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft gezeigt, die sich mit der ökologisch und sozial nachhaltigen Gestaltung unserer künftigen, digitalen Welt beschäftigt. Sie fokussiert laut Ausstellungstext auf die ambivalente Beziehung des Menschen zu neuen Technologien, auf ethische und politische Fragen, die sich durch technologische Fortschritte aufdrängen und im speziellen auf Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit Robotik.

ERFAHRUNGSBERICHT

Die Ausstellung Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine im Erdgeschoss des MAK ist nicht leicht zu finden. Der schnellste Weg führt über den Haupteingang durch das Foyer, wobei sich BesucherInnen in der Säulenhalle links halten sollten. Kurz vor dem Durchgang zur eigentlichen Ausstellungshalle werden Suchende fündig: Ein kleines Poster lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums in jenen Gang, der dann auch tatsächlich in den ersten Abschnitt der Ausstellung führt.

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Der erste Wegweiser in die Ausstellung

Im Rundgang führen Texte, Objekte und Pfeile durch vier Bereiche: 1) Science Fiction thematisiert Roboter als fremde Spezies, Freund oder Feind, stellt Fragen nach ersten Begegnungen, nach Vertrauen oder nach der tatsächlichen Notwendigkeit von Robotern.

2) Programmiert auf Arbeit verbindet die angeblich weit verbreitete Angst vor dem durch moderne Technologien und Robotern verursachten Jobverlust mit Chancen, die sich durch diesen Verlust, oder zumindest durch eine Reduktion der Arbeitszeit ergeben könnten: Freizeit oder – noch besser (?) – der Wandel vom Konsumenten zum Produzenten und die Rückkehr zur Selbstversorgung.

3) In Freund und Helfer werden u.a. Roboter ausgestellt, denen wir im Alltag begegnen können und die sich – so will es der Ausstellungstext – um den Menschen kümmern, ihn pflegen, für dessen Wohlbefinden sorgen wollen, sexuell stimulieren, auf Kinder achten oder Familie, Bekannte und Freunde am Sterbebett ersetzen.

4) Eins werden untersucht Möglichkeiten der Optimierung des menschlichen Organismus durch Technologien und möchte wissen, ob der Mensch mittlerweile über die nötigen wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie technischen Mittel verfügt, um Mensch und Maschine tatsächlich verschmelzen zu lassen.

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Kapitel 4: Raumansicht Eins werden

Die einzelnen Ausstellungskapitel sind räumlich getrennt, klar strukturiert. Die Ausstellungsästhetik ist nüchtern, vorherrschende Farben sind Schwarz und Weiß. Fragen, die für die einzelnen Bereiche wichtig sind, wurden außerdem hängend über den entsprechenden Objektgruppen angebracht und lenken so nicht nur Blick, sondern auch Gedanken.

BESONDERHEITEN

Roboter… Was bitte genau?

Im ersten Raum durfte ich zunächst Objekte bewundern, die mir aus der Popkultur, Science Fiction und insbesondere aus Filmen vertraut waren und sind: Ich sah dort Maschinen, die Menschen ähneln sollten, Szenen aus I-Robot (Roboter übernehmen gegen den Willen der Menschheit die Führung, um sie zu retten, machen ihre Rechnung aber leider ohne Det. Del Spooner bzw. Will Smith), Star Wars (R2D2 war natürlich auch vertreten), der Serie Knight Rider (David Hasselhoff rettete von 1982 bis 1986 als Michael Knight mit seinem denkenden, sich selbst wahrnehmenden Auto KITT zwar nicht die Welt, scheint aber nach wie vor bekannt zu sein) und musste schließlich staunen: Was tat dort der Staubsaugerroboter Roomba 650 zwischen all den Fantastereien und dem scheinbaren Wunsch – oder der Angst – Maschinen zu vermenschlichen oder gar intelligente, fühlende, dem Menschen ebenbürtige und gleichgestellte Technologien zu erschaffen?

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Kapitel 1: Science Fiction, Roomba 650

Auch in den folgenden Räumen, musste ich feststellen, dass meine Definition des Begriffs „Roboter“ sehr viel enger gefasst war, als jener, der in der Ausstellung zur Anwendung kam, was verschiedene Fragen aufwarf: Was waren und sind Roboter nun eigentlich? Und waren alle dort ausgestellten Objekte Roboter? Oder hatten sie in welcher Form auch immer „nur“ mit Robotertechnik zu tun?

Die Ausstellung selbst hatte zwar keine Antwort parat, doch war im Museumsshop ein Buch zu finden – Roboter von John Jordan (2016) – das die Frage teilweise beantworten konnte und wahrscheinlich die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung wesentlich beeinflusst hat:

Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs.  Es scheint viel einfacher, zu beschreiben, was Roboter tun, oder festzulegen, was sie nicht sind, als zu bestimmen, was sie sind. Da Technologien und Robotik außerdem schnell weiter entwickelt werden, erfreuen sich flexible und offene Begriffsbestimmungen,  die möglichst viel Objekte umfassen, größerer Beliebtheit, was im Zuge wissenschaftlicher Diskussionen durchaus sinnvoll sein kann. In einer Ausstellung ist das dagegen schwieriger: Was verbindet all die Objekte? All die Themen? Welchen Positionen kann ich zustimmen, wo mich verweigern, wenn es nichts gibt, das verbindet, das vernetzt, das eine Meinung hat?

Fühlende Maschinen – Rhetorik rund um Roboter

Roboter sind also alles – oder eben nichts wirklich. Trotzdem gibt es ein bindendes Element: Sprache! Quer durch die Ausstellung werden Technologien vermenschlicht. Sie sind intelligent, sie fühlen, sie kümmern sich um die Menschen, sie sind Freunde oder Feinde, sie beschützen und zerstören, sie helfen und kontrollieren.

In den Bereichstexten werden Utopien, aber vor allem Dystopien entworfen: So sind wir beispielsweise von Robotern und robotischen Systemen umgeben, die jede physische oder digitale Form annehmen können. Offensichtlich erwarten wir daher alle – bewusst oder unbewusst – schon bald mit Robotern zu leben oder uns, die Menschheit, verteidigen zu müssen, um nicht durch Maschinen ersetzt zu werden. Wenigstens sind diese intelligenten Objekte auch hilfsbereit und zuvorkommend, tendieren dabei aber leider auch dazu, uns zu überwachen.

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Kapitel 1: Raumansicht Science Fiction

BesucherInnen der Ausstellung werden mit all diesen (Horror-) Szenarien jedoch nicht allein gelassen und bekommen Handlungsanweisungen mit auf den Weg, um nicht nur für die gegenwärtige Welt, sondern auch für die Zukunft gewappnet zu sein: Wir müssen uns also der digitalen Revolution bewusst werden und uns aktiv in deren Entwicklung und Gestaltung einbringen!

Interessant sind diese Formulierungen aus folgendem Grund: In der Ausstellung wird zwar durchaus versucht zwischen Robotern aus der Popkultur und Robotern, wie sie mit unserem gegenwärtigen Wissensstand tatsächlich gebaut, programmiert, entwickelt werden können, zu unterscheiden, doch wird dieses Anliegen kontinuierlich durch die Texte unterlaufen. Wir können keine fühlenden Maschinen bauen. Trotzdem sind sie hilfsbereit und wollen sich kümmern, sich sorgen oder sexuell stimulieren.

FAZIT

Obwohl ich mit Herangehensweisen, Formulierungen und Themen nicht zwangsläufig einverstanden bin, lohnt sich ein Besuch: Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine ist ästhetisch ansprechend, zeigt spannende Objekte, ist sogar für mich in nur 2,5 Stunden zu bewältigen und regt trotzdem irgendwie zum Nachdenken an.