„Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine“ im MAK, Wien

ALLGEMEIN

Das Museum für angewandte Kunst, Wien (MAK) – mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie beispielsweise der U3 (Stubentor), der U4 (Landstraße), der Straßenbahnlinie 2 und zwei Buslinien (3A, 74A) leicht zu erreichen – präsentiert auf 2700 m2 Dauer- und Sonderausstellungen, die sich der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Design, Architektur und Gegenwartskunst widmen. Gesellschaftspolitische Fragen sollen innerhalb der Ausstellungen mit Ansätzen aus eben diesen Bereichen ergänzt werden, um neue Perspektiven zu entwickeln, Grenzbereiche auszuloten und so Nutzen für den Alltag zu schaffen.

IMG_20170630_150249
Haupteingang Museum für angewandte Kunst, Wien

Die Sonderausstellung Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine wird im Rahmen der Vienna Biennale 2017 Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft gezeigt, die sich mit der ökologisch und sozial nachhaltigen Gestaltung unserer künftigen, digitalen Welt beschäftigt. Sie fokussiert laut Ausstellungstext auf die ambivalente Beziehung des Menschen zu neuen Technologien, auf ethische und politische Fragen, die sich durch technologische Fortschritte aufdrängen und im speziellen auf Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit Robotik.

ERFAHRUNGSBERICHT

Die Ausstellung Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine im Erdgeschoss des MAK ist nicht leicht zu finden. Der schnellste Weg führt über den Haupteingang durch das Foyer, wobei sich BesucherInnen in der Säulenhalle links halten sollten. Kurz vor dem Durchgang zur eigentlichen Ausstellungshalle werden Suchende fündig: Ein kleines Poster lenkt die Aufmerksamkeit des Publikums in jenen Gang, der dann auch tatsächlich in den ersten Abschnitt der Ausstellung führt.

IMG_20170630_150748
Der erste Wegweiser in die Ausstellung

Im Rundgang führen Texte, Objekte und Pfeile durch vier Bereiche: 1) Science Fiction thematisiert Roboter als fremde Spezies, Freund oder Feind, stellt Fragen nach ersten Begegnungen, nach Vertrauen oder nach der tatsächlichen Notwendigkeit von Robotern.

2) Programmiert auf Arbeit verbindet die angeblich weit verbreitete Angst vor dem durch moderne Technologien und Robotern verursachten Jobverlust mit Chancen, die sich durch diesen Verlust, oder zumindest durch eine Reduktion der Arbeitszeit ergeben könnten: Freizeit oder – noch besser (?) – der Wandel vom Konsumenten zum Produzenten und die Rückkehr zur Selbstversorgung.

3) In Freund und Helfer werden u.a. Roboter ausgestellt, denen wir im Alltag begegnen können und die sich – so will es der Ausstellungstext – um den Menschen kümmern, ihn pflegen, für dessen Wohlbefinden sorgen wollen, sexuell stimulieren, auf Kinder achten oder Familie, Bekannte und Freunde am Sterbebett ersetzen.

4) Eins werden untersucht Möglichkeiten der Optimierung des menschlichen Organismus durch Technologien und möchte wissen, ob der Mensch mittlerweile über die nötigen wissenschaftlichen Erkenntnisse sowie technischen Mittel verfügt, um Mensch und Maschine tatsächlich verschmelzen zu lassen.

IMG_20170630_164344
Kapitel 4: Raumansicht Eins werden

Die einzelnen Ausstellungskapitel sind räumlich getrennt, klar strukturiert. Die Ausstellungsästhetik ist nüchtern, vorherrschende Farben sind Schwarz und Weiß. Fragen, die für die einzelnen Bereiche wichtig sind, wurden außerdem hängend über den entsprechenden Objektgruppen angebracht und lenken so nicht nur Blick, sondern auch Gedanken.

BESONDERHEITEN

Roboter… Was bitte genau?

Im ersten Raum durfte ich zunächst Objekte bewundern, die mir aus der Popkultur, Science Fiction und insbesondere aus Filmen vertraut waren und sind: Ich sah dort Maschinen, die Menschen ähneln sollten, Szenen aus I-Robot (Roboter übernehmen gegen den Willen der Menschheit die Führung, um sie zu retten, machen ihre Rechnung aber leider ohne Det. Del Spooner bzw. Will Smith), Star Wars (R2D2 war natürlich auch vertreten), der Serie Knight Rider (David Hasselhoff rettete von 1982 bis 1986 als Michael Knight mit seinem denkenden, sich selbst wahrnehmenden Auto KITT zwar nicht die Welt, scheint aber nach wie vor bekannt zu sein) und musste schließlich staunen: Was tat dort der Staubsaugerroboter Roomba 650 zwischen all den Fantastereien und dem scheinbaren Wunsch – oder der Angst – Maschinen zu vermenschlichen oder gar intelligente, fühlende, dem Menschen ebenbürtige und gleichgestellte Technologien zu erschaffen?

IMG_20170630_153226
Kapitel 1: Science Fiction, Roomba 650

Auch in den folgenden Räumen, musste ich feststellen, dass meine Definition des Begriffs „Roboter“ sehr viel enger gefasst war, als jener, der in der Ausstellung zur Anwendung kam, was verschiedene Fragen aufwarf: Was waren und sind Roboter nun eigentlich? Und waren alle dort ausgestellten Objekte Roboter? Oder hatten sie in welcher Form auch immer „nur“ mit Robotertechnik zu tun?

Die Ausstellung selbst hatte zwar keine Antwort parat, doch war im Museumsshop ein Buch zu finden – Roboter von John Jordan (2016) – das die Frage teilweise beantworten konnte und wahrscheinlich die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung wesentlich beeinflusst hat:

Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs.  Es scheint viel einfacher, zu beschreiben, was Roboter tun, oder festzulegen, was sie nicht sind, als zu bestimmen, was sie sind. Da Technologien und Robotik außerdem schnell weiter entwickelt werden, erfreuen sich flexible und offene Begriffsbestimmungen,  die möglichst viel Objekte umfassen, größerer Beliebtheit, was im Zuge wissenschaftlicher Diskussionen durchaus sinnvoll sein kann. In einer Ausstellung ist das dagegen schwieriger: Was verbindet all die Objekte? All die Themen? Welchen Positionen kann ich zustimmen, wo mich verweigern, wenn es nichts gibt, das verbindet, das vernetzt, das eine Meinung hat?

Fühlende Maschinen – Rhetorik rund um Roboter

Roboter sind also alles – oder eben nichts wirklich. Trotzdem gibt es ein bindendes Element: Sprache! Quer durch die Ausstellung werden Technologien vermenschlicht. Sie sind intelligent, sie fühlen, sie kümmern sich um die Menschen, sie sind Freunde oder Feinde, sie beschützen und zerstören, sie helfen und kontrollieren.

In den Bereichstexten werden Utopien, aber vor allem Dystopien entworfen: So sind wir beispielsweise von Robotern und robotischen Systemen umgeben, die jede physische oder digitale Form annehmen können. Offensichtlich erwarten wir daher alle – bewusst oder unbewusst – schon bald mit Robotern zu leben oder uns, die Menschheit, verteidigen zu müssen, um nicht durch Maschinen ersetzt zu werden. Wenigstens sind diese intelligenten Objekte auch hilfsbereit und zuvorkommend, tendieren dabei aber leider auch dazu, uns zu überwachen.

IMG_20170630_152859
Kapitel 1: Raumansicht Science Fiction

BesucherInnen der Ausstellung werden mit all diesen (Horror-) Szenarien jedoch nicht allein gelassen und bekommen Handlungsanweisungen mit auf den Weg, um nicht nur für die gegenwärtige Welt, sondern auch für die Zukunft gewappnet zu sein: Wir müssen uns also der digitalen Revolution bewusst werden und uns aktiv in deren Entwicklung und Gestaltung einbringen!

Interessant sind diese Formulierungen aus folgendem Grund: In der Ausstellung wird zwar durchaus versucht zwischen Robotern aus der Popkultur und Robotern, wie sie mit unserem gegenwärtigen Wissensstand tatsächlich gebaut, programmiert, entwickelt werden können, zu unterscheiden, doch wird dieses Anliegen kontinuierlich durch die Texte unterlaufen. Wir können keine fühlenden Maschinen bauen. Trotzdem sind sie hilfsbereit und wollen sich kümmern, sich sorgen oder sexuell stimulieren.

FAZIT

Obwohl ich mit Herangehensweisen, Formulierungen und Themen nicht zwangsläufig einverstanden bin, lohnt sich ein Besuch: Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine ist ästhetisch ansprechend, zeigt spannende Objekte, ist sogar für mich in nur 2,5 Stunden zu bewältigen und regt trotzdem irgendwie zum Nachdenken an.

– Text von K. –

 

Museumsmarathon London

ERFAHRUNGSBERICHT

Ende Mai verschlug mich das Leben für drei Tage nach London, wo ich zwar kaum etwas von der Stadt selbst sah, dafür aber umso mehr Museen unsicher machen konnte. Mein Abenteuer begann im Imperial War Museum London und führte mich am ersten Tag über das Royal Observatory Greenwich bis zum National Maritime Museum.

IMG_20170522_142127
Blick auf London – Royal Observatory Greenwich

Den zweiten Tag verbrachte ich im Science Museum (wo ich mich mit Mathematik und Robotern beschäftigte), im Victoria and Albert Museum (das ich mit Ausnahme der audio-visuellen Ausstellung Pink Floyd: Their Mortal Remains nicht wirklich besichtigte) und im Design Museum (an das ich mich leider nicht mehr erinnern kann, weil ich nicht mehr aufnahmefähig war).

In der Wellcome Collection besichtigte ich am dritten und letzten Tag die Sonderausstellung Electricity: The Spark of Life sowie die Dauerausstellung Medicine Man. Daraufhin verlor ich mich im Lärm des London Transport Museum, wo mich eine Insel der Ruhe, die vorübergehende Ausstellung Sounds of the City, rettete. Meine letzten Stunden in London verbrachte ich mit Bond in Motion. Original James Bond Vehicles im London Film Museum.

In jedem dieser Museen bzw. Ausstellungen verbrachte ich ein bis zwei Stunden. Wer bereits andere Reviews von mir gelesen hat, weiß, dass ich Museen üblicherweise mit dem Ziel ein bis zwei Stunden zu bleiben, betrete und bleibe, bis ich gehen muss, weil das Museum schließt. Das ist auch die Zeit, die ich brauche, um mich tatsächlich positionieren und berichten zu können. Es ist mir also unmöglich eine fundierte Meinung zu all diesen Museen, Ausstellungen, Inhalten, Displays, Erzählweisen oder Objekten zu haben.

Was ich mitnehmen konnte, sind dafür unglaublich viele Eindrücke und Ideen, von denen ich im Zusammenhang mit dem Imperial War Museum London und dem Science Museum exemplarisch einige wenige möglichst kurz festhalten will:

IMPERIAL WAR MUSEUM (IWM) LONDON

IMG_20170522_100216
Imperial War Museum (IWM) London

Das IWM London öffnete im Juni 1920 mit dem Auftrag Objekte und Materialien, die mit dem ersten Weltkrieg in Verbindung zu bringen sind, zu sammeln, zu bewahren und auszustellen, im Crystal Palace. Im Juli 1936 wurde der Standort des Museums an seinen heutigen Sitz in der Lambeth Road, einem früheren Teil des Bethlehem Royal Hospital, verlegt.

Von 1940 bis 1946 schloss das IWM London vorübergehend und verlagerte empfindliche Bestandteile der Sammlung in Depots außerhalb der Stadt. Nach dem zweiten Weltkrieg erweiterte es seinen Sammlungsauftrag auch auf diesen Krieg. 1953 wurden diesen Sammlungsschwerpunkten außerdem Militäroperationen, in die Großbritannien oder der Commonwealth seit 1914 involviert waren, hinzugefügt.

Auf den Ebenen 0 bis 5 sind verschiedenste Dauer- und Sonderausstellungen zu sehen. Zu letzteren zählen Syria: A Conflict Explored, People Power: Fighting for Peace, Edmund Clark: War of Terror und Afghanistan: Reflections on Helmand. Die Dauerausstellungen umfassen The Holocaust Exhibition, A Family in Wartime, Secret War, Witnesses to War, die Lord Ashcroft Gallery, Curiosities of War, Peace and Security: 1945-2014 und last but not least Turning Points: 1934-1945.

VON KRIEGEN UND HELDEN

Ausschlaggebend für die folgenden Ausführungen war nicht nur, aber vor allem die Lord Ashcroft Gallery. Zu sehen sind dort Heldenporträts. Ihre besonderen Leistungen werden beschrieben, Medaillen, Filme und Fotos ausgestellt – mit dem Ziel die Konzepte Mut und Tapferkeit zu befragen, zu verstehen und BesucherInnen zu mutigen Taten zu motivieren.

IMG_20170522_113353
Raumansicht Lord Ashcroft Gallery

Kurz vor diesem Besuch erzählte mir außerdem jemand vom Anspruch des Museums Porträts von Kriegshelden möglichst differenziert auszustellen: Wer waren diese Menschen? Woher kamen sie? Was passierte während und nach den Kriegen oder militärischen Operationen? Dieses Versprechen wurde definitiv nicht eingelöst. Der Fokus lag ganz eindeutig auf einzelnen Heldentaten. Dieser Widerspruch sowie eine weitere Diskussion führten sowohl zu einer Erkenntnis, als auch zu vielen offenen Fragen im Hinblick darauf, wie Krieg auszustellen sei.

Meine Beobachtung ist wahrscheinlich trivial: Krieg und kriegsrelevante Inhalte auszustellen gehört mitunter zu den schwierigsten kuratorischen Tätigkeiten. Natürlich sollen interessante Objekte zu sehen sein. Natürlich werden Fakten präsentiert. Aber wie werden diese Objekte ausgewählt? Wer sucht sie aus? Auf welche Fakten wird fokussiert? Wie werden diese präsentiert? Die Darstellung von den meisten Thematiken ist abhängig von ErzählerInnen. Und v.a. im Zusammenhang mit Krieg fällt dies auf. Die Geschichten der Verlierernationen sind andere, als jene der Sieger. Die Geschichten von SoldatInnen sind andere als jene von Zivilpersonen. Ich habe selten Ausstellungen gesehen, in denen mehr als nur eine dieser Perspektiven tatsächlich auch gezeigt wurde. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass diese ganz bewusst einander gegenüber gestellt worden wären, um ein differenziertes Bild zu schaffen, um BesucherInnen die Möglichkeit zu geben, zu hinterfragen, zu glauben, zu wissen, zu diskutieren und sich eine ausdifferenzierte Meinung zu bilden – abseits von der Idealisierung einzelner Kriegshelden oder der Abscheu vor Gewalt.

SCIENCE MUSEUM

ScienceMuseum
Das  Science Museum

Die Anfänge des Science Museum reichen zurück bis zur Gründung des South Kensington Museum (SKM) im Jahr 1857. 1862 wurden wissenschaftliche und technische Sammlungsbereiche erstmals vom Gesamtbestand getrennt und in ein eigenes Gebäude in der Exhibition Road, dem heutigen Standort, gebracht. 1909 trennten sich diese auch administrativ vom SKM. Im Zuge dessen kam es zu Umbenennungen, wobei das „SKM“ zum „Victoria and Albert Museum“ wurde und sich für das neue Haus der Name „Science Museum“ etablierte. Seit 1984 lautet der offizielle Name des Science Museum „National Museum of Science and Technology“.

Das Science Museum ist heute Mitglied einer Gruppe technisch und wissenschaftlich orientierter Museen. Zu diesen gehören das National Railway Museum, das Museum of Science and Industry und das National Science and Media Museum.

Aktuell werden einige Sonderausstellungen, darunter Engineer Your Future (eine interaktive Ausstellung für Teenager, um über Berufe im Maschinenbau nachzudenken), Robots (Geschichte der Entwicklung des Roboters) und Journeys through Medicine (Medizingeschichte mit Bezug auf Henry Wellcome) sowie verschiedene Dauerausstellungen gezeigt. Letztere reichen von u.a. der Beschäftigung mit der Beschaffenheit unterschiedlicher Materialien (Challenge of Materials) über Weltraumfahrt (Exploring Space) und der ersten Frau im Weltall (Valentina Tereshkova) bis hin zur erst kürzlich eröffneten Ausstellung Mathematics: The Winton Gallery, die auch Gegenstand der weiteren Ausführungen sein wird.

VERNETZTES DENKEN

Die Dauerausstellung Mathematics: The Winton Gallery lädt BesucherInnen ein, sich mit Mathematik zu beschäftigen. Sie sucht nach Möglichkeiten, Menschen zu inspirieren: durch Objekte und ihre Geschichten, durch Menschen, die damit in Verbindung stehen. Sie versucht zu zeigen, wofür Mathematik benötigt wird, wie das Fach Gesellschaften, Kulturen und die Menschheit verändern konnte und kann. Mathematik wird in Verbindung gebracht mit medizinischen Erkenntnissen, Leben und Tod, Geld, Glücksspiel, Handel, Reisen, Politik und vielem mehr. Sowohl Lebens-, als auch Sammelbereiche werden durch ein übergeordnetes Thema miteinander verbunden.

IMG_20170523_130715
Raumansicht Mathematics: The Winton Gallery

Das ist eine Ausstellung, die sich von vielen anderen Ausstellungen in wissenschaftlichen und technischen Museen unterscheidet, weil sie BesucherInnen im Leben abholt, ihnen Gedanken und Ideen mit auf den Weg gibt. In vielen Ausstellungen sind die dort vorgestellten Inhalte auch von zu Hause aus gut (und vor allem bequem) zu erarbeiten. Diese aber zeigt Verbindungen auf, die abseits vom Museum nicht leicht angeeignet werden können. Sie entlässt mit dem Wunsch mehr zu erfahren und nachzulesen, was vor Ort keinen Platz hatte.

All das führt schließlich zu der Frage, was Museen in einer vernetzten Welt, in der Informationen relativ schnell abgerufen werden können und (Wissens-) Austausch verhältnismäßig leicht und schnell ermöglicht wird, leisten müssen oder sollen. Wissen nicht nur zu reproduzieren, sondern in welcher Art auch immer zu verbinden und weiterzuführen, ist möglicherweise ein erster Lösungsansatz.

FAZIT

Ich habe wieder einmal erlebt, dass ich, um mich zu einem Museum oder einer Ausstellung positionieren zu können, mindestens einen halben Tag vor Ort verbringen, darüber nachdenken und im besten Fall auch darüber sprechen muss. Insofern träume ich von einer Rückkehr nach London, um zumindest das Science Museum, das IWM London und die Wellcome Collection noch einmal besichtigen zu können.

Das IWM London und die Wellcome Collection dürften für mich noch eingiges an Ideen und Überraschungen bereit halten. Die Mathematik-Galerie im Science Museum dagegen sei all jenen empfohlen, die mit dieser Disziplin bisher nichts anfangen konnten. Sie könnte tatsächlich Perspektiven auf das Fach ändern. Wer sich unmittelbar mit Mathematik verbundene Objekte, Informationen und Fakten erhofft, wird hier aber nicht auf seine Kosten kommen.

– Text von K. –

 

Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft, Tokyo

ALLGEMEINES

Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft in Tokyo umfasst zwei Gebäudekomplexe auf mehreren Ebenen. Im ersten Gebäude werden auf drei Ebenen hauptsächlich mit Japan verbundene Inhalte thematisiert und entsprechende Ausstellungsstücke präsentiert. Die übergeordneten Themen sind hier die Naturgeschichte Japans, die gegenwärtige Natur Japans, Organismen Japans und damit verbundene Forschungsmethoden. Außerdem befinden sich hier eine Halle für Sonderausstellungen sowie das Theater 360.

Frontansicht des Museums

Gebäude #2 beherbergt auf über fünf Stockwerke verteilt Objekte, die global zu kontextualisieren sind. BesucherInnen können sich hier von der Geschichte des Universums über Evolution und Biodiversität bis hin zu Forschungstechnologien, Fortschritten in Wissenschaft und Technologien sowie einem großen Forschungsbereich für Familien mit Kindern (Kinder dürfen hier tatsächlich spielen und sogar klettern) verschiedensten Themen widmen. Auf dem Dach ist außerdem ein Kräutergarten. Natürlich gibt es ein Restaurant, einen Museumsshop und als besonderen Bonus einen mobilen Raketenwerfer im Außenbereich. Detaillierte Informationen sind bei Bedarf einer ausfürlichen, übersichtlichen und zweisprachigen (Japanisch und Englisch) Website zu entnehmen.

Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft liegt im Ueno-Park. Seine unmittelbaren Nachbarn sind das Ueno Royal Museum, das Nationalmuseum für westliche Kunst, das Kunstmuseum der Stadt Tokyo, das Museum der Kunsthochschule Tokyo und das Nationalmuseum Tokyo.

ERFAHRUNGSBERICHT

Es regnete stark an dem Tag, an dem ich das Museum besichtigte. Ursprünglich hatte ich daher geplant, auch andere Museen zu besichtigen. „Wenigstens das Nationalmuseum und eine der Sonderausstellungen in den Kunstmuseen“, so dachte ich, „kann ich leicht an einem Tag besichtigen.“ In Vorfreude auf die vielen Ausstellungen, dich ich also bald besichtigen würde, betrat ich gegen 11:30 das Museum. Ich fand mich gut zurecht, legte Rucksack und Schirm im Spind ab und marschierte geradlinig in die oberste Etage des kleineren Gebäudekomplexes, um dort zu bemerken, dass Räume und Objekte ausschließlich auf japanisch beschriftet waren. Ich hatte, geblendet von Idealvorstellungen (Inklusion möglichst vieler Personen, was untere anderem bedeutet, mindestens zweisprachig zu agieren) und einem meiner Lieblingsmuseen in Wien, mit zweisprachigen Texten gerechnet (später sollte ich zwischen all den japanischen Schriftzeichen auch einige Texttafeln auf Englisch finden).

Ich ging also wieder ins Erdgeschoss, um mir ein Guidebook oder vergleichbares zu besorgen. Eilig hatte ich es nicht: Immerhin war ich nach wie vor davon überzeugt, das Museum in drei Stunden besichtigen zu können. Die Dauerausstellung, in der ich mich befand war durchaus zu bewältigen.

Unten angekommen besorgte ich mir gegen Entgelt (Yen 310,00) sowie der Vorlage eines Lichtbildausweises (Tipp: Den Pass in Tokyo mitzunehmen, hat auch andere Vorteile. Ohne Pass, der durchaus auch eingescannt wird, gibt es beispielsweise keine steuerfreien Einkäufe oder andere Ermäßigungen) ein Tablet, wobei ich auch einen Audioguide hätte wählen können. Beides war in vier Sprachen verfügbar: Japanisch, Koreanisch, Chinesisch und Englisch. Meine Wahl fiel übrigens deswegen auf das Tablet, da ich damit verschiedenste Texte lesen konnte und Routen durch das Museum vorgeschlagen wurden. Ich wählte jene Route, die mich möglichst ausführlich durch den zweiten Gebäudekomplex, der globalen Gallerie, führen würde. Dazu musste ich das Gebäude wechseln: auch ohne Schirm kein Problem, weil der Weg überdacht war.

Ich begann meine Besichtigung des Museums mit Hilfe des Tablets im Erdgeschoss der globalen Gallerie mit dem Urknall und der Enstehung des Universums, über die Entwicklung verschiedener Organismen und das Auftreten der ersten Menschen bis in die Gegenwart. Ich fand mich wieder im obersten Stockwerk, wo ich Objekte im Zusammenhang mit Fortschritt in Japans Wissenschaft und Technologien von der Edo-Periode bis heute bewunderte und zufällig einen Blick auf die Uhr warf: 16:00! Noch eine Stunde bis das Museum schließen sollte. Ich hatte aber erst einen Bruchteil des Museums gesehen. In diesem Komplex war ich fünf von neun Bereichen abgegangen, den sechsten besuchte ich innerhalb der letzten Stunde. Im ersten Gebäude, das hauptsächlich auf den japanischen Kontext fokussiert, hatte ich nichts gesehen. Die Zeit war wie im Flug vergangen.

BESONDERHEITEN

Gelenkter Blick – Vorgeschlagene Routen durch das Museum

Im oberen Abschnitt habe ich schon kurz erwähnt, dass, benutzen BesucherInnen das Tablet als Guide durch das Museum, bestimmte Routen vorgeschlagen werden. Das hat sowohl Vor-, als auch Nachteile. Nachteilig ist, dass das Publikum sich weniger frei durch das Museum bewegt und es für sich entdecken kann. Sein Blick wird, ebenso wie der Gang durch die Räume, stark gelenkt.

In diesem Museum habe ich die Richtungsweisungen trotz allem sehr genossen und fand sie hilfreich: Zum einen ist das Museum unglaublich groß. Wer erstens nicht viel Zeit hat oder investieren will und außerdem über keinerlei Japanisch-Kenntnisse verfügt, tut gut daran, sich führen zu lassen. Das gilt vor allem dann, wenn die Option wieder zu kommen, nicht besteht. Zweitens erfährt man implizit einiges über inhaltliche und wissenschaftliche Schwerpunktlegungen des Museums.

Der Bereich „Tiere der Welt“ – Ein Vergleich mit dem NHM Wien

Ich bin quasi im naturhistorischen Museum Wien (NHM Wien) aufgewachsen. Meine Mutter brachte meine Brüder und mich im Rahmen unserer sehr regelmäßigen Ausflüge in die Hauptstadt Österreichs entweder in den Zoo oder in eben dieses Museum. Im Zoo betrachteten wir lebendige Tiere. Im Museum sahen wir die gleichen Tiere (und viele mehr) erneut. Nur waren sie in diesem Fall tot, ausgestopft oder schwammen in Glasbehältern, eingelegt in irgendwelche Flüssigkeiten. Im ersten Stock reihten sie sich in Vitrinen, beschriftet mit einem kleinen Schild, auf dem die korrekte Bezeichnung des Tieres zu lesen war. Die Menge an toten Tieren war schlichtweg atemraubend (und so absurd das an dieser Stelle klingen mag: Ich besuche das NHM Wien gerne).

Im Erdgeschoss dagegen – ebenfalls in Glasvitrinen und ähnlich beschriftet (mittlerweile gibt es genauere Beschriftungen und Raumtexte) – türmten sich archäologische Fundstücke und Mineralien. Auch hier war die Menge nicht überschaubar. Häufig waren und sind von einer Objektgattung mehrere Objekte ausgestellt, die sich außerdem alle ähnlich sehen. Für ExpertInnen ist das mit Sicherheit durchaus zu begründen und wissenschaftlich relevant. Was aber sehen durchschnittliche MuseumsbesucherInnen? Noch so eine Speerspitze? Noch so einen Stein? Noch so ein totes Tier ohne nützliche Zusatzinformationen?

Im Vergleich dazu hat das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft einen klaren Pluspunkt. Es stellt zu jedem Thema deutlich weniger Objekte aus und gibt ausreichend Zusatzinformationen. In diesem Museum konnte ich nachvollziehen, warum beispielsweise bestimmte Mineralien ausgestellt waren. Auch die Anordnung der Objekte wurde zum Teil erklärt, was aus exemplarischen Gründen auch schon zum Bereich „Tiere der Welt“ führt.

Dieser Raum zeigt ausgestopfte Säugetiere und Vögel. BesucherInnen werden via Tablet textlich dazu eingeladen, die Tiere einfach zu betrachten und zu bewundern.

Raumfoto des Bereichs „Tiere der Welt“

Wissenschaftlicher Mehrwert toter Tiere wird nicht postuliert. Allerdings gibt es einige Computer mit Touchscreen, die weitere Informationen zu den Tieren liefern. Wer beispielsweise mehr über Löwen wissen will, klickt auf diesem Computer auf die Abbildung des im Raum ausgestellten Löwen. Das eröffnet weitere Optionen. BesucherInnen können hier mehr über das Tier, dessen Habitat oder mit ihm verbundene Theorien erfahren.

Um aber auf Erklärungsmodelle im Hinblick auf die Anordnung von Objekten zurück zu kommen, ist hier jener Schaukasten von Bedeutung, der verschiedenste Vögel zeigt. Der Blick des Publikums wird auf die Schnäbel, deren Form Auskunft über Fressgewohnheiten der Tiere gibt, gelenkt. Diese waren auch ausschlaggebend für die Aufstellung. Von links nach rechts wurden fleisch-, fisch-, aas- und pflanzenfressende Vögel gezeigt. Das ist zumindest ein Anhaltspunkt, den das NHM Wien nicht liefert.

Natürlich ist die Anschaffung von Tablets und Computern mit Touchscreen im Museum auch eine Geldfrage. Die Auswahl von Objekten und die Entwicklung eines nachvollziehbaren, roten Fadens durch die Ausstellung sind es nicht. Das Nationalmuseum für Natur und Wissenschaft hat letzteres gemeistert. Kompliment!

Fehlt da nicht…? Texte im Bereich „Fortschritt in Wissenschaft und Technologie“

Raumfoto des Bereichs „Fortschritt in Wissenschaft und Technologie“

Diesem Abschnitt vorausgeschickt sei, dass ich kein Japanisch spreche und Englisch meine Zweitsprache ist. Das heißt, ich konnte einerseits nicht alle Texte lesen. Andererseits waren jene Texte, die mir zur Verfügung standen, nicht in meiner Muttersprache verfasst. Beides ist in Folge mitzudenken, meine Gedanken und Feststellungen sind in diesem Sinne zu hinterfragen.

Zunächst fiel mir im oben genannten Abschnitt die Schwerpunktlegung auf. Der Fokus lag eindeutig auf Japan im internationalen und globalen Vergleich. Beispielsweise wurden an einer Stelle medizinische Praktiken Japans während der Edo-Periode (zwischen 1603 und 1868) im Vergleich zu chinesischen und europäischen Praxen erörtert. Im Gegensatz zu europäischer Medizin orientierte sich jene Japans oder Chinas eher an Prävention. Entsprechend waren auch die medizinischen Erkenntnisse, wobei durch Kulturkontakt auch Wissenstransfer stattfand. Erwähnt wird hier noch, dass die erste Brustkrebsoperation weltweit in Japan durchgefuehrt wurde, wobei offen bleibt, ob diese überhaupt erfolgreich war.  Dem scheinbar neutralen Vergleich folgt so schließlich die Erzählung von Japans herausragender Leistung. Dieses Muster zieht sich hier durch viele Texte.

In einem anderen Text wird Japans Außenpolitik und Abschließung bis zur erzwungenen Öffnung 1853 thematisiert. Zwar wird angedeutet, dass Japan gezielt versuchte, internationale und globale Einflüsse aus dem Land zu halten, doch wird gleichzeitig die Beziehung mit Holland hervorgehoben. Der Handel mit Holländern war erlaubt. Sie hatten sogar einen Handelsstützpunkt. Auf diesem Weg kamen trotz allem europäische Waren und Kulturgut, Religion (Christentum) und westliches Wissen nach Japan. Letzteres ist zwar korrekt, verleitet möglicherweise aber zum Glauben, die Isolationspolitik sei im Großen und Ganzen friedlich abgelaufen. Das wiederum stimmt nicht. Beispielsweise wurden Ausländer, die sich ungewollt im Land aufhielten, verfolgt und getötet. Gleiches galt für japanische Christen, die sich weigerten, ihrem Glauben öffentlich abzuschwören.

Solche Inhalte sind zwar nicht direkt mit gewolltem Wissenstransfer, wissenschaftlichem und technischem Fortschritt zu verbinden, doch werden sie dann relevant, wenn textliche Formulierungen den Eindruck entstehen lassen können, dass alle damit verbundenen Prozesse und Ereignisse problemlos und gewaltfrei abgelaufen seien.

FAZIT

Ich liebe dieses Museum, könnte dort leicht eine Woche verbringen und würde trotzdem jeden Tag Neues entdecken (wobei hier angemerkt werden sollte, dass ich seit meiner Kindheit ein Faible für naturhistorische, naturwissenschaftliche und technische Museen habe). Was Größe und Zeit anbelangt, empfehle ich entweder mehr Zeit mitzubringen oder andere Wege durch das Museum zu wählen. BesucherInnen könnten sich den Weg durch das Museum selbst suchen oder aber jene Route wählen, die zum Beispiel nur die Highlights des Museums vorstellt.

– Text von K. –